Was die 4-Prozent-Regel besagt
Die Regel ist einfach: Im ersten Ruhestandsjahr entnimmst du 4 Prozent deines Depotwerts. Danach erhöhst du den Betrag jedes Jahr um die Inflationsrate, unabhängig davon, wie die Börse läuft. Bei 500.000 Euro Depot sind das 20.000 Euro im ersten Jahr, also rund 1.667 Euro im Monat, im zweiten Jahr bei 2 Prozent Inflation 20.400 Euro und so weiter.
Die Entnahme ist also von Anfang an dynamisch und inflationsangepasst, das wird oft übersehen. Wer stur 4 Prozent des jeweils aktuellen Depotwerts entnimmt, wendet nicht die 4-Prozent-Regel an, sondern eine ganz andere (schwankende) Strategie.
Woher die Regel kommt
Der US-Finanzplaner William Bengen untersuchte 1994 historische US-Renditen seit 1926 und fragte: Welche anfängliche Entnahmerate hätte jeden 30-Jahres-Ruhestand überstanden, auch den mit Start 1929 oder 1966? Sein Ergebnis: Bei 50 bis 75 Prozent Aktienanteil lag diese Rate bei etwa 4 Prozent. Die Trinity-Studie von 1998 (Cooley, Hubbard und Walz) bestätigte die Größenordnung mit Erfolgsquoten für verschiedene Entnahmeraten und Laufzeiten.
Wichtig: Beide Untersuchungen rechnen mit US-Aktien und US-Anleihen, vor Steuern und vor Kosten, über exakt 30 Jahre. Jede dieser Annahmen wackelt, sobald man sie nach Deutschland überträgt.
Warum sie für deutsche Anleger zu kurz greift
1. Steuern fehlen komplett
Auf den Gewinnanteil jeder Entnahme fällt Kapitalertragsteuer von 26,375 Prozent inklusive Soli an (bei Aktien-ETF nach 30 Prozent Teilfreistellung). Dazu kommt während der Haltedauer die Vorabpauschale. Die 4 Prozent aus der Studie sind brutto, deine Lebenshaltungskosten sind netto. Je nach Gewinnanteil im Depot kostet das effektiv meist 5 bis 15 Prozent der Entnahme.
2. US-Daten sind der Bestfall
Der US-Aktienmarkt war im 20. Jahrhundert einer der besten der Welt. Studien mit internationalen Datensätzen kommen für viele Länder auf deutlich niedrigere sichere Entnahmeraten. Wer ein weltweit gestreutes Euro-Depot hält, sollte die US-Historie nicht einfach fortschreiben.
3. 30 Jahre sind oft zu kurz
Die Regel wurde für einen Ruhestand mit 65 gerechnet. Wer mit 55 aufhört oder einfach lange lebt, braucht 35 bis 45 Jahre Reichweite, und die sichere Rate sinkt mit jedem zusätzlichen Jahr.
4. Kosten mindern die Rendite
Selbst günstige ETF kosten 0,1 bis 0,3 Prozent im Jahr, Depots und Spreads kommen dazu. Auch das ist in den 4 Prozent nicht enthalten.
5. Die Renditereihenfolge entscheidet
Die Regel hält den historisch schlechtesten US-Fall aus, aber die Zukunft kann schlechtere Reihenfolgen liefern. Ein Crash in den ersten Entnahmejahren ist der gefährlichste Fall, weil viele Anteile zu niedrigen Kursen verkauft werden müssen. Deshalb gehört zu jeder Entnahmeplanung eine Pleitewahrscheinlichkeit, nicht nur ein Durchschnittsszenario.
Was stattdessen: rechnen statt Faustregel
Für Deutschland nennen viele Analysen 3 bis 3,5 Prozent als robustere Anfangsentnahme, wenn die Entnahme jährlich mit der Inflation steigen und 30 Jahre oder länger halten soll. Aber die ehrliche Antwort ist: Es hängt von deinen Zahlen ab. Genau dafür gibt es den Rechner:
- Er rechnet die dynamische, inflationsangepasste Entnahme exakt über den Realzins, nominal und in heutiger Kaufkraft.
- Er simuliert per Monte-Carlo tausende Renditeverläufe und zeigt deine Pleitewahrscheinlichkeit statt eines einzigen Durchschnittsfalls.
- Er zieht auf Wunsch Kapitalertragsteuer, Teilfreistellung und Sparerpauschbetrag als Näherung ab.
Häufige Fragen zur 4-Prozent-Regel
Was besagt die 4-Prozent-Regel genau?
Im ersten Jahr 4 Prozent des Depotwerts entnehmen, danach den Betrag jährlich um die Inflation erhöhen. In den historischen US-Daten überstand ein gemischtes Depot damit praktisch jeden 30-Jahres-Zeitraum.
Wie viel Kapital brauche ich nach der 4-Prozent-Regel?
Den Jahresbedarf mit 25 multiplizieren. Für 2.000 Euro monatlich (24.000 Euro im Jahr) wären das 600.000 Euro. Mit deutschen Steuern und vorsichtigeren 3,5 Prozent eher das 28- bis 30-fache.
Warum gilt die Regel in Deutschland nur eingeschränkt?
Sie rechnet ohne deutsche Steuern und Fondskosten, basiert auf dem historisch besonders starken US-Markt und auf exakt 30 Jahren Ruhestand. Alle drei Punkte sprechen für eine niedrigere sichere Entnahmerate, oft werden 3 bis 3,5 Prozent genannt.