Ratgeber Entnahmeplan

Die 3-Prozent-Regel: die vorsichtige Alternative

Warum für deutsche Anleger oft 3 statt 4 Prozent empfohlen werden, was das im Monat kostet und wie viel Sicherheit man dafür wirklich kauft.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Die 3-Prozent-Regel besagt, dass du im ersten Ruhestandsjahr 3 Prozent deines Depotwerts entnimmst und diesen Betrag danach jährlich um die Inflation erhöhst. Bei 500.000 Euro sind das 1.250 Euro im Monat statt 1.667 Euro nach der 4-Prozent-Regel. Der Preis für die niedrigere Entnahme ist gut ein Drittel weniger Geld, der Gegenwert ist ein deutlich niedrigeres Risiko: In unserer Simulation scheitert ein 30-Jahres-Plan bei 3 Prozent in 15,1 Prozent der Verläufe, bei 4 Prozent in 34,1 Prozent.

Warum überhaupt weniger als 4 Prozent?

Die bekannte 4-Prozent-Regel stammt aus der Arbeit von William Bengen (1994) und der Trinity-Studie (1998). Beide rechnen mit US-Kapitalmarktdaten, mit einem Horizont von 30 Jahren und, das ist der entscheidende Punkt, vor Steuern und vor Kosten. Für einen deutschen Ruhestand kommen drei Abschläge dazu:

Deshalb nennen viele deutschsprachige Quellen 3 bis 3,5 Prozent als robustere Entnahmerate. Wie die 4-Prozent-Regel im Detail funktioniert und woher sie kommt, steht im Artikel zur 4-Prozent-Regel.

Wie viel Sicherheit kauft man mit 3 Prozent?

Die ehrliche Antwort auf die Frage nach der Sicherheit ist keine Ja-Nein-Antwort, sondern eine Wahrscheinlichkeit. Diese Tabelle zeigt, in wie vielen von 100 simulierten Verläufen das Kapital vor dem Ende der geplanten Dauer erschöpft ist:

Geplante Dauer3,0 % Entnahmerate3,5 %4,0 %4,5 %
20 Jahre3,3 %6,8 %11,3 %17,6 %
30 Jahre15,1 %24,0 %34,1 %44,6 %
40 Jahre27,8 %38,5 %49,9 %58,4 %

Monte-Carlo-Simulation mit 3.000 Verläufen, Seed 42: erwartete Rendite 6 Prozent, Schwankung 15 Prozent, Inflation 2 Prozent, Entnahme inflationsangepasst, vor Steuern. Die Simulation zieht die Jahresrenditen unabhängig aus einer Normalverteilung und kennt daher keine Erholung nach Crashs. Sie fällt damit vorsichtiger aus als eine Rückrechnung mit historischen Daten.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Der Sprung von 4 auf 3 Prozent halbiert das Risiko über 30 Jahre fast. Zweitens: Auch 3 Prozent sind keine Garantie. Wer 40 Jahre plant, trägt selbst bei 3 Prozent noch ein Risiko von rund 28 Prozent. Eine Entnahmerate allein löst das Problem nicht, dazu gehören Flexibilität in schlechten Jahren und ein Puffer.

Der Steuer-Effekt: 4 Prozent brutto sind 3,7 Prozent netto

Alle klassischen Entnahmeregeln rechnen vor Steuern. In Deutschland wird beim Anteilsverkauf aber der Gewinnanteil besteuert, bei Aktienfonds nach 30 Prozent Teilfreistellung und nach Abzug des Sparerpauschbetrags von 1.000 Euro. Für ein Depot von 500.000 Euro mit einem Gewinnanteil von 50 Prozent sieht das so aus:

EntnahmerateBrutto pro JahrSteuerNetto pro JahrNetto-QuoteNetto pro Monat
3,0 %15.000 Euro1.121 Euro13.879 Euro2,78 %1.157 Euro
3,5 %17.500 Euro1.352 Euro16.148 Euro3,23 %1.346 Euro
4,0 %20.000 Euro1.583 Euro18.418 Euro3,68 %1.535 Euro

Annahme: Aktienfonds mit 30 Prozent Teilfreistellung, Gewinnanteil der verkauften Anteile 50 Prozent, Sparerpauschbetrag 1.000 Euro, Abgeltungsteuer 25 Prozent plus Soli, keine Kirchensteuer. Der Gewinnanteil steigt im Lauf des Ruhestands, damit auch die Steuerlast.

Wer also 4 Prozent netto zum Leben braucht, entnimmt in Wahrheit rund 4,35 Prozent brutto. Das rutscht in der Risikotabelle oben schon fast auf die 4,5-Prozent-Zeile. Ein Teil des Abstands zwischen 3 und 4 Prozent ist damit schlicht der Fiskus. Mehr dazu im Artikel zum ETF-Entnahmeplan.

Was 3 Prozent im Monat bedeuten

Kapital3,0 % pro Monat3,5 % pro Monat4,0 % pro Monat
200.000 Euro500 Euro583 Euro667 Euro
300.000 Euro750 Euro875 Euro1.000 Euro
500.000 Euro1.250 Euro1.458 Euro1.667 Euro
750.000 Euro1.875 Euro2.188 Euro2.500 Euro
1.000.000 Euro2.500 Euro2.917 Euro3.333 Euro

Beträge in heutiger Kaufkraft und vor Steuern. Nominal steigt die Entnahme jedes Jahr mit der Inflation.

Andersherum gefragt kostet die Vorsicht spürbar Kapital: Für 2.000 Euro im Monat vor Steuern brauchst du bei 4 Prozent 600.000 Euro, bei 3,5 Prozent rund 685.700 Euro und bei 3 Prozent 800.000 Euro. Das sind ein Drittel mehr Erspartes für dasselbe Monatsbudget. Genau hier liegt die eigentliche Entscheidung: länger arbeiten und sparen, oder mit mehr Risiko früher aufhören.

Warum ausgerechnet 3 Prozent robust ist

Hinter der Zahl steckt ein einfacher Zusammenhang. Was ein Depot dauerhaft trägt, ist nicht die nominale Rendite, sondern der Realzins: rreal = (1+r)/(1+i) − 1. Bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation sind das 3,92 Prozent. Liegt die reale Entnahmerate darunter, bleibt das Kapital im Durchschnitt erhalten. Liegt sie darüber, wird es planmäßig verzehrt:

Rendite (real, bei 2 % Inflation)Reichweite bei 3,0 %bei 3,5 %bei 4,0 %
4 % (real 1,96 %)54,6 Jahre42,3 Jahre34,7 Jahre
5 % (real 2,94 %)135,6 Jahre63,3 Jahre45,9 Jahre
6 % (real 3,92 %)ewigewig102,2 Jahre
7 % (real 4,90 %)ewigewigewig

Deterministische Rechnung mit konstanter Jahresrendite, vor Steuern. "Ewig" bedeutet, dass die reale Entnahme unter dem Realzins liegt und das Kapital rechnerisch nie aufgebraucht wird.

3 Prozent liegen selbst bei mageren 5 Prozent Rendite noch klar im Bereich des Kapitalerhalts, 4 Prozent nicht mehr. Das ist der ganze Trick der Regel: Sie hält Abstand zum Realzins und verträgt deshalb auch ein Jahrzehnt mit enttäuschender Rendite. Der Preis dafür steht in der Tabelle darüber, und er ist real.

Für wen 3, für wen 3,5, für wen 4 Prozent?

Wichtiger als die Nachkommastelle ist die Bereitschaft, nachzusteuern. Wer nach einem schlechten Jahr die Entnahme um 10 Prozent senkt, verbessert seine Erfolgsaussichten oft stärker als jemand, der starr von 4 auf 3,5 Prozent geht.

Rechne deine eigene Entnahmerate

Ob 3, 3,5 oder 4 Prozent zu deinem Depot, deinem Alter und deinem Budget passen, hängt an deinen Zahlen. Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir Reichweite, Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Verlauf und auf Wunsch die Steuer auf ETF-Entnahmen, in wenigen Sekunden.

Häufige Fragen

Was ist die 3-Prozent-Regel?

Die vorsichtige Variante der 4-Prozent-Regel: Im ersten Ruhestandsjahr werden 3 Prozent des Depotwerts entnommen, danach wird dieser Betrag jedes Jahr um die Inflation erhöht, damit die Kaufkraft konstant bleibt. Bei 500.000 Euro sind das 15.000 Euro im Jahr oder 1.250 Euro im Monat.

Ist die 3-Prozent-Regel sicherer als die 4-Prozent-Regel?

Deutlich sicherer, aber nicht sicher. In unserer Simulation (6 Prozent erwartete Rendite, 15 Prozent Schwankung, 2 Prozent Inflation) scheitert ein 30-Jahres-Plan bei 3 Prozent in 15,1 Prozent der Verläufe, bei 4 Prozent in 34,1 Prozent. Über 40 Jahre sind es 27,8 gegenüber 49,9 Prozent.

Wie viel Kapital brauche ich für 2.000 Euro im Monat?

Vor Steuern: 800.000 Euro bei 3 Prozent, rund 685.700 Euro bei 3,5 Prozent und 600.000 Euro bei 4 Prozent. Sollen die 2.000 Euro nach Steuern übrig bleiben, kommen je nach Gewinnanteil im Depot noch einmal rund 8 bis 9 Prozent Kapitalbedarf dazu.