Kurzantwort: Bei einem ETF-Entnahmeplan verkaufst du regelmäßig so viele Anteile, wie für die geplante Entnahme nötig sind, der Rest bleibt investiert. Steuern fallen nur auf den Gewinnanteil der verkauften Anteile an, bei Aktienfonds zusätzlich gemindert um 30 Prozent Teilfreistellung und den Sparerpauschbetrag. Aus 300.000 Euro sind bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation rechnerisch 1.432 Euro im Monat über 30 Jahre drin, in heutiger Kaufkraft. Der Haken steckt nicht in der Steuer, sondern im Risiko: Derselbe Plan scheitert in der Simulation mit realistischen Schwankungen in rund zwei von drei Verläufen.
Was beim Anteilsverkauf passiert
Ein Auszahlplan bei der Bank zahlt dir feste Beträge aus einem Topf. Beim ETF-Entnahmeplan machst du dasselbe selbst, nur transparenter: Du hältst Anteile, und für jede Entnahme verkaufst du davon so viele, wie der Betrag hergibt.
Ein Beispiel: 300.000 Euro Depot bei einem Anteilspreis von 100 Euro sind 3.000 Anteile. Willst du im ersten Jahr 17.528 Euro entnehmen, verkaufst du rund 175 Anteile. Steigt der Kurs bis zum Folgejahr, brauchst du für denselben realen Betrag weniger Anteile, fällt er, mehr. Genau darin liegt später das Risiko.
Wichtig für die Steuer: Verkauft wird nach dem Prinzip "zuerst gekauft, zuerst verkauft" (FIFO). Am Anfang des Ruhestands gehen also die ältesten und damit meist am stärksten im Plus stehenden Anteile weg. Der Gewinnanteil einer Entnahme steigt daher über die Jahre eher, als dass er fällt.
Wie viel darfst du entnehmen?
Die Grundrechnung eines Entnahmeplans hängt an drei Größen: Kapital, erwartete Rendite und Inflation. Diese Tabelle zeigt für ein Depot von 300.000 Euro, wie viel du über 30 Jahre monatlich entnehmen kannst, wenn die Kaufkraft konstant bleiben soll (die Entnahme steigt also jedes Jahr mit 2 Prozent Inflation).
| Erwartete Rendite | Realzins | Entnahme pro Monat (heutige Kaufkraft) | davon im 1. Jahr nominal |
|---|---|---|---|
| 3 Prozent | 0,98 Prozent | 966 Euro | 985 Euro |
| 5 Prozent | 2,94 Prozent | 1.266 Euro | 1.291 Euro |
| 6 Prozent | 3,92 Prozent | 1.432 Euro | 1.461 Euro |
| 7 Prozent | 4,90 Prozent | 1.608 Euro | 1.640 Euro |
Annahme: 300.000 Euro Startkapital, 30 Jahre Laufzeit, 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern. Gerechnet über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1.
Die Steuer trifft nur den Gewinnanteil
Der häufigste Denkfehler beim ETF-Entsparen: Viele rechnen mit 26,375 Prozent Abgeltungsteuer auf die gesamte Entnahme. Tatsächlich ist der Verkauf von Anteilen zum größten Teil eine Rückzahlung deines eigenen eingezahlten Geldes. Steuerpflichtig ist nur der Gewinnanteil, und der wird bei Aktienfonds noch einmal um 30 Prozent Teilfreistellung gekürzt. Vom Rest bleibt der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr frei.
Was das ausmacht, zeigt diese Rechnung für eine Jahresentnahme von 17.528 Euro (die 1.461 Euro monatlich aus der Tabelle oben):
| Gewinnanteil der Entnahme | steuerpflichtiger Ertrag | Steuer | netto übrig | effektiver Satz auf die Entnahme |
|---|---|---|---|---|
| 30 Prozent | 2.681 Euro | 707 Euro | 16.821 Euro | 4,0 Prozent |
| 50 Prozent | 5.135 Euro | 1.354 Euro | 16.174 Euro | 7,7 Prozent |
| 70 Prozent | 7.589 Euro | 2.002 Euro | 15.526 Euro | 11,4 Prozent |
| 90 Prozent | 10.043 Euro | 2.649 Euro | 14.879 Euro | 15,1 Prozent |
Annahme: Aktienfonds mit 30 Prozent Teilfreistellung, 1.000 Euro Sparerpauschbetrag, Abgeltungsteuer 25 Prozent plus Soli, keine Kirchensteuer. Der Gewinnanteil ist der Anteil am Verkaufserlös, der auf Kursgewinne entfällt.
Selbst bei einem sehr weit gelaufenen Depot mit 90 Prozent Gewinnanteil liegt die effektive Belastung also bei rund 15 Prozent der Entnahme, nicht bei 26. Zwei Stellschrauben drücken sie weiter:
- Sparerpauschbetrag als Paar: Bei gemeinsamer Veranlagung gelten 2.000 Euro. Bei 50 Prozent Gewinnanteil sinkt die Steuer von 1.354 auf 1.091 Euro, also von 7,7 auf 6,2 Prozent der Entnahme.
- Teilfreistellung: Sie gilt nur für Aktienfonds mit mindestens 51 Prozent Aktienquote. Ohne Teilfreistellung wären es bei 50 Prozent Gewinnanteil 2.048 Euro statt 1.354 Euro Steuer, also gut die Hälfte mehr.
Wer ein Netto-Ziel hat, rechnet andersherum. Für 1.200 Euro netto im Monat musst du je nach Gewinnanteil brutto 1.247 Euro (30 Prozent Gewinn), 1.298 Euro (50 Prozent) oder 1.353 Euro (70 Prozent) entnehmen.
Die Vorabpauschale kommt schon vorher
Bei thesaurierenden ETF greift der Fiskus nicht erst beim Verkauf zu. Über die Vorabpauschale wird jährlich ein pauschaler Mindestertrag versteuert. Grundlage ist der Basiszins, für 2026 liegt er bei 3,20 Prozent (BMF-Schreiben vom 13.01.2026).
Für ein Depot mit 300.000 Euro Wert zu Jahresbeginn ergibt das einen Basisertrag von 6.720 Euro (300.000 mal 3,20 Prozent mal 0,7). Nach 30 Prozent Teilfreistellung sind 4.704 Euro steuerpflichtig, die Steuer läge vor Anrechnung des Sparerpauschbetrags bei rund 1.241 Euro. Zwei Deckel begrenzen das:
- Die Vorabpauschale ist nie höher als die tatsächliche Wertsteigerung des Jahres. Legt ein Depot von 100.000 Euro nur 1.500 Euro zu, sind auch nur 1.500 Euro angesetzt, Steuer rund 277 Euro statt der 2.240 Euro Basisertrag.
- In einem Verlustjahr fällt sie ganz weg.
Gezahlte Vorabpauschalen werden beim späteren Verkauf gegengerechnet, du zahlst also nicht doppelt. Sie verschiebt die Steuer nach vorn, sie erhöht sie nicht dauerhaft. Für die Entnahmeplanung heißt das vor allem: Halte genug Liquidität bereit, denn die Bank bucht die Steuer im Januar vom Verrechnungskonto ab.
Das eigentliche Risiko: die Reihenfolge der Renditen
Alle Tabellen oben unterstellen eine Rendite, die jedes Jahr exakt gleich ausfällt. Ein Aktien-ETF liefert stattdessen mal plus 25 und mal minus 30 Prozent. Wer in einem Crashjahr Anteile verkaufen muss, verkauft viele Anteile zu niedrigen Kursen, und diese Anteile fehlen im späteren Aufschwung dauerhaft. Zwei Rentner mit identischer Durchschnittsrendite können deshalb völlig verschieden enden.
Diese Tabelle zeigt für dieselben 300.000 Euro über 30 Jahre, wie oft der Plan in der Monte-Carlo-Simulation vorzeitig scheitert:
| Entnahme pro Monat (heutige Kaufkraft) | Entnahmerate bezogen auf 300.000 Euro | Pleitewahrscheinlichkeit über 30 Jahre | Restkapital im Mittel (nominal) |
|---|---|---|---|
| 625 Euro | 2,5 Prozent | 8,9 Prozent | 565.606 Euro |
| 750 Euro | 3,0 Prozent | 15,1 Prozent | 459.114 Euro |
| 875 Euro | 3,5 Prozent | 24,0 Prozent | 324.528 Euro |
| 1.000 Euro | 4,0 Prozent | 34,1 Prozent | 189.777 Euro |
| 1.125 Euro | 4,5 Prozent | 44,6 Prozent | 74.860 Euro |
| 1.432 Euro | 5,7 Prozent | 66,4 Prozent | 0 Euro |
Annahme: erwartete Rendite 6 Prozent, Schwankung 15 Prozent (weltweites Aktiendepot), 2 Prozent Inflation, 3.000 simulierte Verläufe, fester Startwert für die Zufallszahlen. Restkapital ist der Median nach 30 Jahren, vor Steuern.
Die letzte Zeile ist die Entnahme, die die Durchschnittsrechnung erlaubt. Sie geht in zwei von drei Fällen schief. Genau das ist der Grund, warum die klassische Auszahlplan-Tabelle in die Irre führt und warum auch die 4-Prozent-Regel für deutsche Anleger eher zu optimistisch ist: Hier liegen selbst 4 Prozent noch bei einer Pleitewahrscheinlichkeit von rund einem Drittel.
Was das für die Praxis heißt
- Plane mit einer Wahrscheinlichkeit, nicht mit einer Zahl. Eine Entnahme, die "im Schnitt" 30 Jahre trägt, ist keine sichere Entnahme.
- Halte einen Cash-Puffer. Zwei bis drei Jahresausgaben auf dem Tagesgeld ersparen dir Verkäufe im tiefsten Crash und entschärfen das Reihenfolge-Risiko spürbar.
- Bleib flexibel. Wer in schlechten Jahren die Entnahme um 10 bis 20 Prozent kürzt, verbessert die Erfolgsquote deutlich stärker als jede Steueroptimierung.
- Rechne netto, nicht brutto. Die Steuer kostet je nach Gewinnanteil 4 bis 15 Prozent der Entnahme. Wer sie vergisst, plant den Bedarf systematisch zu knapp.
Rechne deinen eigenen Fall
Anderes Depot, andere Laufzeit, anderer Gewinnanteil: Der Entnahmeplan-Rechner rechnet deinen ETF-Entnahmeplan in Sekunden, inklusive Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Verlauf und Steuer auf die Entnahme. Wie sich das bei kleineren Depots auswirkt, zeigt der Artikel Wie lange reichen 100.000 Euro?, für größere Depots inklusive Steuerbeispiel der Artikel Wie lange reichen 500.000 Euro?.
Häufige Fragen
Wie funktioniert ein Entnahmeplan mit ETF?
Du verkaufst regelmäßig so viele Anteile, wie für die geplante Entnahme nötig sind, der Rest bleibt investiert. Beispiel: 300.000 Euro Depot bei 100 Euro Anteilspreis sind 3.000 Anteile. Wer im ersten Jahr 17.528 Euro entnimmt, verkauft rund 175 Anteile. Verkauft wird nach FIFO, also zuerst die ältesten Anteile.
Wie viel Steuern zahle ich auf eine ETF-Entnahme?
Deutlich weniger als die 26,375 Prozent Abgeltungsteuer, denn besteuert wird nur der Gewinnanteil, davon sind bei Aktienfonds 30 Prozent teilfreigestellt. Bei einer Jahresentnahme von 17.528 Euro und 1.000 Euro Sparerpauschbetrag sind es rund 707 Euro bei 30 Prozent Gewinnanteil (4,0 Prozent der Entnahme) und rund 2.002 Euro bei 70 Prozent Gewinnanteil (11,4 Prozent).
Wie viel kann ich aus einem ETF-Depot sicher entnehmen?
Die Durchschnittsrechnung erlaubt aus 300.000 Euro bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation rund 1.432 Euro im Monat über 30 Jahre. In der Simulation mit 15 Prozent Schwankung scheitert dieser Plan aber in rund 66 von 100 Verläufen. Für eine Pleitewahrscheinlichkeit unter 15 Prozent muss die Entnahme auf etwa 750 Euro im Monat sinken, also rund 3 Prozent des Startkapitals.