Kurzantwort: Das Renditereihenfolge-Risiko besagt, dass bei laufenden Entnahmen nicht nur die Höhe der Durchschnittsrendite zählt, sondern auch ihre Reihenfolge. Schwache Jahre direkt zu Rentenbeginn treffen das noch volle Depot und zwingen zum Verkauf zu niedrigen Kursen. Bei 400.000 Euro Startkapital, 2.000 Euro Entnahme im Monat und 20 identischen Jahresrenditen bleiben je nach Abfolge 200.587 Euro oder 535.647 Euro übrig. Im Fachjargon heißt der Effekt sequence of returns risk. Er ist der Hauptgrund, warum eine Durchschnittsrechnung im Ruhestand systematisch zu optimistisch ist.
Das Beispiel: zwei Rentner, dieselben Renditen
Beide starten mit 400.000 Euro und entnehmen 20 Jahre lang 2.000 Euro im Monat, also 24.000 Euro im Jahr. Beide erleben zehn schwache Jahre mit 2 Prozent und zehn starke Jahre mit 10 Prozent. Der einzige Unterschied ist die Reihenfolge:
- Rentnerin A erwischt die schwachen Jahre zuerst, die starken danach.
- Rentner B erwischt die starken Jahre zuerst, die schwachen danach.
Die Durchschnittsrendite ist bei beiden identisch: arithmetisch 6,00 Prozent, geometrisch 5,92 Prozent pro Jahr.
| Depotstand nach | A: schwache Jahre zuerst | B: starke Jahre zuerst | Differenz |
|---|---|---|---|
| 5 Jahren | 316.735 Euro | 497.682 Euro | 180.947 Euro |
| 10 Jahren | 224.804 Euro | 654.999 Euro | 430.195 Euro |
| 15 Jahren | 215.527 Euro | 598.275 Euro | 382.748 Euro |
| 20 Jahren | 200.587 Euro | 535.647 Euro | 335.060 Euro |
Annahmen: 400.000 Euro Startkapital, 24.000 Euro Entnahme jeweils am Jahresende, zehnmal 2 Prozent und zehnmal 10 Prozent Jahresrendite, vor Steuern und Kosten. Gerechnet mit derselben Kapitalfortschreibung wie im Rechner: Kapital neu = Kapital alt mal (1 + Rendite) − Entnahme.
Rentnerin A hat am Ende trotz identischer Renditen nur gut ein Drittel des Kapitals von Rentner B. Der Grund ist nicht schlechteres Timing beim Kaufen, sondern schlichte Mathematik: In A's schwachen Anfangsjahren wächst das Depot kaum, die 24.000 Euro Entnahme müssen trotzdem raus. Nach zehn Jahren ist ihr Depot auf 224.804 Euro geschrumpft. Die anschließende starke Phase mit 10 Prozent wirkt dann nur noch auf gut ein Drittel des Kapitals, das B in denselben Jahren zur Verfügung hatte.
Ohne Entnahme wäre die Reihenfolge völlig egal
Das ist der Punkt, der den Effekt greifbar macht. Legt man dieselben 400.000 Euro nur an und entnimmt nichts, kommt bei beiden Reihenfolgen exakt derselbe Betrag heraus: 1.264.703 Euro. Renditen werden ohne Zahlungsströme nur multipliziert, und Multiplikation ist vertauschbar. Erst laufende Entnahmen brechen diese Vertauschbarkeit, weil in jedem Jahr ein fester Betrag aus einem unterschiedlich großen Depot entnommen wird.
In der Sparphase dreht sich der Effekt sogar um. Wer 20 Jahre lang 12.000 Euro im Jahr einzahlt, steht mit denselben Renditen so da:
| Phase | Schwache Jahre zuerst | Starke Jahre zuerst |
|---|---|---|
| Sparphase (12.000 Euro Einzahlung pro Jahr) | 532.058 Euro | 364.528 Euro |
| Entnahmephase (24.000 Euro Entnahme pro Jahr) | 200.587 Euro | 535.647 Euro |
| Ohne Zahlungen (400.000 Euro liegen lassen) | 1.264.703 Euro | 1.264.703 Euro |
Als Sparer profitiert man also von schwachen Anfangsjahren, weil man günstig einkauft. Als Entnehmer schaden sie, weil man günstig verkaufen muss. Genau deshalb sind die Jahre rund um den Renteneintritt die kritischsten des ganzen Anlegerlebens.
Wann der Crash kommt, entscheidet fast alles
Noch deutlicher wird es mit einem einzigen schlechten Jahr. Ausgangslage: 400.000 Euro, 6 Prozent Rendite pro Jahr, 24.000 Euro Entnahme. Das ist genau die Balance, bei der das Kapital ewig hält, es bleiben nach 20 Jahren unverändert 400.000 Euro. Jetzt wird ein einziges Jahr durch einen Crash mit minus 30 Prozent ersetzt, alles andere bleibt gleich:
| Das Crashjahr fällt auf | Kapital nach 20 Jahren |
|---|---|
| kein Crash | 400.000 Euro |
| Jahr 1 | 0 Euro (aufgebraucht in Jahr 19) |
| Jahr 5 | 54.896 Euro |
| Jahr 10 | 142.118 Euro |
| Jahr 15 | 207.296 Euro |
| Jahr 20 | 256.000 Euro |
Ein Jahr mit minus 30 Prozent, alle übrigen Jahre 6 Prozent, Entnahme konstant 24.000 Euro am Jahresende, vor Steuern und Inflation.
Derselbe Crash, dieselbe Durchschnittsrendite über 20 Jahre: Fällt er ins erste Jahr, ist das Geld vor dem Ende weg. Fällt er ins letzte Jahr, bleiben noch 256.000 Euro. Das ist das Renditereihenfolge-Risiko in einer Zahl.
Warum Schwankung allein schon Risiko ist
Ein echtes Depot liefert keine glatten 6 Prozent, sondern schwankt. Die Monte-Carlo-Simulation des Rechners zieht dafür 3.000 zufällige Renditeverläufe. Interessant ist der Vergleich bei identischer erwarteter Rendite von 6 Prozent, nur mit unterschiedlich starker Schwankung. Ausgangslage: 500.000 Euro, 30 Jahre, 20.000 Euro Entnahme im Jahr in heutiger Kaufkraft (4 Prozent, inflationsangepasst mit 2 Prozent):
| Schwankung (Volatilität) | Pleitewahrscheinlichkeit | Restkapital im Median |
|---|---|---|
| 5 Prozent (sehr defensiv) | 1 Prozent | 794.021 Euro |
| 10 Prozent (Mischdepot) | 17 Prozent | 583.695 Euro |
| 15 Prozent (weltweites Aktiendepot) | 34 Prozent | 316.295 Euro |
| 20 Prozent (offensiv, Einzelmärkte) | 47 Prozent | 59.817 Euro |
Monte-Carlo mit 3.000 Pfaden, Seed 42, erwartete Rendite 6 Prozent, Inflation 2 Prozent, Entnahme jährlich an die Inflation angepasst, vor Steuern. Restkapital nominal nach 30 Jahren.
Die Erwartung ist in allen vier Zeilen dieselbe. Trotzdem steigt das Risiko, vorzeitig ohne Geld dazustehen, von 1 auf 47 Prozent. Wer nur mit einer Durchschnittsrendite plant, sieht davon nichts. Genau das ist die Lücke, die die üblichen Auszahlplan-Rechner offenlassen.
Was wirklich hilft
1. Eine niedrigere Entnahmerate. Das ist der stärkste Hebel. Dieselbe Ausgangslage (500.000 Euro, 30 Jahre, Aktiendepot mit 6 Prozent Erwartung und 15 Prozent Schwankung, Entnahme inflationsangepasst):
| Entnahmerate | Monatlich (heutige Kaufkraft) | Pleitewahrscheinlichkeit über 30 Jahre |
|---|---|---|
| 3,0 Prozent | 1.250 Euro | 15 Prozent |
| 3,5 Prozent | 1.458 Euro | 24 Prozent |
| 4,0 Prozent | 1.667 Euro | 34 Prozent |
| 4,5 Prozent | 1.875 Euro | 45 Prozent |
| 5,0 Prozent | 2.083 Euro | 54 Prozent |
Mehr dazu im Artikel zur 3-Prozent-Regel und zur klassischen 4-Prozent-Regel.
2. Flexibel entnehmen statt starr. Wer in schlechten Jahren kürzt, verkauft weniger Anteile zu niedrigen Kursen. Im Crash-Beispiel oben (Crash im Jahr 1) ist das Geld bei starren 24.000 Euro im Jahr 19 aufgebraucht. Kürzt man die Entnahme in den ersten fünf Jahren um 20 Prozent auf 19.200 Euro, hält das Kapital bis Jahr 22. Der Effekt ist real, aber er ersetzt keine zu hohe Entnahmerate.
3. Ein Cash-Puffer für die ersten Jahre. Zwei bis drei Jahresausgaben auf dem Tagesgeld erlauben es, einen Kurseinbruch auszusitzen, statt ins fallende Depot hinein zu verkaufen. Der Puffer kostet Rendite, kauft aber genau die Zeit, in der das Reihenfolge-Risiko am größten ist.
4. Weniger Schwankung kurz vor und nach Rentenbeginn. Die Tabelle zur Volatilität zeigt, wie stark schon die Schwankung allein wirkt. Ein Anleihen- oder Tagesgeldanteil senkt die erwartete Rendite, aber eben auch die Wahrscheinlichkeit, im falschen Moment verkaufen zu müssen.
Rechne deinen eigenen Fall
Wie stark das Renditereihenfolge-Risiko deinen Plan trifft, hängt an Kapital, Entnahme, Dauer und Depotstruktur. Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir neben der Durchschnittsrechnung direkt die Pleitewahrscheinlichkeit aus 3.000 simulierten Verläufen und den Korridor des Restkapitals. Ein ausführliches Rechenbeispiel dazu findest du unter Wie lange reichen 500.000 Euro?
Häufige Fragen
Was ist das Renditereihenfolge-Risiko?
Bei laufenden Entnahmen zählt nicht nur die Höhe der Durchschnittsrendite, sondern auch ihre Reihenfolge. Schwache Börsenjahre am Anfang des Ruhestands treffen ein noch volles Depot und zwingen dazu, Anteile zu niedrigen Kursen zu verkaufen. Dieses Kapital fehlt in der späteren Erholung dauerhaft. Im Beispiel oben führen dieselben 20 Jahresrenditen je nach Reihenfolge zu 200.587 Euro oder 535.647 Euro Restkapital.
Warum betrifft das Renditereihenfolge-Risiko nur die Entnahmephase?
Ohne Ein- oder Auszahlungen werden die Jahresfaktoren nur multipliziert, und die Reihenfolge ist egal: Aus 400.000 Euro werden mit denselben 20 Renditen immer 1.264.703 Euro. Erst laufende Zahlungen brechen diese Vertauschbarkeit. In der Sparphase wirkt der Effekt umgekehrt, dort sind schwache Jahre am Anfang sogar von Vorteil.
Was hilft gegen das Renditereihenfolge-Risiko?
Vor allem eine niedrigere Entnahmerate: Bei 500.000 Euro und 30 Jahren sinkt die Pleitewahrscheinlichkeit in der Simulation von 54 Prozent bei 5 Prozent Entnahme auf 15 Prozent bei 3 Prozent. Dazu kommen ein Cash-Puffer für die ersten Jahre, flexible Entnahmen in schlechten Jahren und weniger Schwankung im Depot. Eine Kürzung um 20 Prozent in den ersten fünf Jahren verschiebt im Crash-Beispiel den Kapitalverzehr von Jahr 19 auf Jahr 22.