Kurzantwort: Kürzen wirkt stark. Bei 500.000 Euro, 30 Jahren Planung und 4 Prozent Startentnahme (1.667 Euro im Monat) scheitern 34,1 Prozent der simulierten Verläufe. Wer die Entnahme dauerhaft um 10 Prozent auf 1.500 Euro senkt, kommt auf 26,1 Prozent, bei 20 Prozent Kürzung auf 1.333 Euro sind es 19,2 Prozent und bei 25 Prozent auf 1.250 Euro nur noch 15,1 Prozent. Rund 167 Euro weniger im Monat kaufen also etwa 8 Prozentpunkte weniger Pleiterisiko. Genau das ist der Hebel, den eine Leitplanken-Regel nutzt, ohne dass du von Anfang an dauerhaft kleiner leben musst.
Das Problem mit der festen Rate
Die klassische Entnahmeregel legt am ersten Tag einen Betrag fest und schreibt ihn nur noch mit der Inflation fort. Der Depotwert spielt danach keine Rolle mehr. Das führt zu zwei Fehlern gleichzeitig: In schlechten Verläufen wird stur weiter entnommen, bis nichts mehr da ist. In guten Verläufen bleibt am Ende ein Vermögen liegen, das nie jemand ausgegeben hat.
Beide Fehler lassen sich beziffern. In derselben Simulation mit 4 Prozent Startentnahme über 30 Jahre liegt das mittlere Restkapital bei 316.295 Euro nominal, also rund 174.617 Euro in heutiger Kaufkraft. Im günstigen Zehntel der Verläufe bleiben sogar 2.715.579 Euro übrig, real etwa 1.499.192 Euro. Ein Drittel der Verläufe scheitert, ein Zehntel endet mit dem Dreifachen des Startkapitals: Eine feste Rate trifft fast nie das, was der Fall eigentlich hergegeben hätte.
Was die Startrate über das Risiko sagt
Bevor es um Leitplanken geht, hilft der Blick auf die Ausgangslage. Alle Zeilen: 500.000 Euro Startkapital, 30 Jahre Planung, 6 Prozent erwartete Rendite, 15 Prozent Schwankung, 2 Prozent Inflation, 3.000 simulierte Verläufe.
| Startentnahme | Monatlich (heutige Kaufkraft) | Pleitewahrscheinlichkeit | Mittleres Restkapital nach 30 Jahren |
|---|---|---|---|
| 3,0 Prozent | 1.250 Euro | 15,1 Prozent | 765.190 Euro |
| 3,5 Prozent | 1.458 Euro | 24,0 Prozent | 540.880 Euro |
| 4,0 Prozent | 1.667 Euro | 34,1 Prozent | 316.295 Euro |
| 4,5 Prozent | 1.875 Euro | 44,6 Prozent | 124.767 Euro |
| 5,0 Prozent | 2.083 Euro | 53,5 Prozent | 0 Euro |
Monte-Carlo mit 3.000 Pfaden, Seed 42, Entnahme jährlich nachschüssig, inflationsangepasst, vor Steuern. Restkapital nominal am Ende der 30 Jahre, Median über alle Pfade.
Jeder halbe Prozentpunkt mehr Startentnahme kostet also rund 10 Prozentpunkte Sicherheit. Wer diese Tabelle als Preisliste liest, versteht sofort, warum Flexibilität so wertvoll ist: Sie erlaubt einen höheren Start, ohne das Risiko der obersten Zeile mitzunehmen.
Wie viel eine Kürzung bringt
Diese Tabelle geht von 4 Prozent Startentnahme aus (1.667 Euro im Monat) und zeigt, was passiert, wenn die Entnahme auf ein niedrigeres Niveau gesenkt wird.
| Kürzung | Monatlich | Pleitewahrscheinlichkeit | Gewonnene Prozentpunkte | Mittleres Restkapital |
|---|---|---|---|---|
| keine | 1.667 Euro | 34,1 Prozent | Ausgangswert | 316.295 Euro |
| 5 Prozent | 1.583 Euro | 30,4 Prozent | 3,7 | 414.602 Euro |
| 10 Prozent | 1.500 Euro | 26,1 Prozent | 8,0 | 502.312 Euro |
| 15 Prozent | 1.417 Euro | 22,6 Prozent | 11,5 | 574.853 Euro |
| 20 Prozent | 1.333 Euro | 19,2 Prozent | 14,9 | 659.429 Euro |
| 25 Prozent | 1.250 Euro | 15,1 Prozent | 19,0 | 765.190 Euro |
Gleiche Annahmen wie oben. Die Zeilen zeigen eine dauerhafte Kürzung ab dem ersten Jahr.
Wichtig für die ehrliche Einordnung: Der Rechner modelliert eine konstante reale Entnahme, deshalb zeigen die Zeilen dauerhafte Kürzungen. Eine echte Leitplanken-Regel kürzt nur dann, wenn es nötig ist, und nimmt die Kürzung später wieder zurück. Ihr Ergebnis liegt damit zwischen der obersten Zeile und der Zeile der jeweiligen Kürzungsstufe. Was die Tabelle sauber zeigt, ist der Preis der Sicherheit: Wie viel Verzicht wie viel Risikoabbau bringt.
Eine konkrete Leitplanken-Regel
Der Grundgedanke stammt aus der Regel von Guyton und Klinger und lässt sich in drei Sätzen aufschreiben. Maßgröße ist die aktuelle Entnahmequote, also die geplante Jahresentnahme geteilt durch den aktuellen Depotwert.
- Start: 4,0 Prozent, im Beispiel 20.000 Euro pro Jahr aus 500.000 Euro Depot.
- Obere Leitplanke bei 5,0 Prozent: Steigt die Quote darüber, wird die Entnahme um 10 Prozent gekürzt. Bei 20.000 Euro Entnahme ist das der Fall, sobald das Depot unter 400.000 Euro fällt.
- Untere Leitplanke bei 3,2 Prozent: Fällt die Quote darunter, wird um 10 Prozent erhöht. Das passiert ab einem Depotwert über 625.000 Euro.
Warum genau diese Schwellen? Weil sie den Bereich abstecken, in dem der Plan noch trägt. Eine dauerhafte Entnahme von 5,0 Prozent scheitert in 53,5 Prozent der Verläufe, das ist die Zone, in der Nichtstun teuer wird. Eine dauerhafte Entnahme von 3,2 Prozent kommt dagegen auf 19,2 Prozent Pleiterisiko und lässt im Median deutlich Kapital übrig, dort ist Erhöhen vertretbar. Die Schwellen sind bewusst asymmetrisch: Nach unten wird früher gebremst als nach oben beschleunigt.
Erhöhen ist teurer, als es sich anfühlt
Die Leitplanke nach oben verdient dieselbe Skepsis wie die nach unten. Wer die Entnahme dauerhaft um 10 Prozent auf 1.833 Euro anhebt, hebt das Pleiterisiko von 34,1 auf 42,6 Prozent, und das mittlere Restkapital fällt von 316.295 auf 147.731 Euro. Eine Erhöhung sollte deshalb erst nach einer echten, länger anhaltenden Depoterholung kommen, nicht nach einem guten Quartal.
Der Ernstfall: Kürzen nach einem Crash
Ein Beispiel macht die Wirkung greifbar. Wer nach zwei Jahren statt 500.000 nur noch 350.000 Euro im Depot hat, aber unverändert 1.667 Euro im Monat entnimmt, hat für die restlichen 28 Jahre ein Pleiterisiko von 62,7 Prozent. Ohne den Einbruch wären es 30,2 Prozent gewesen. Eine Kürzung um 10 Prozent bringt den Wert auf 51,3 Prozent, um 20 Prozent auf 40,5 Prozent, und eine Kürzung um 30 Prozent landet mit 30,2 Prozent exakt wieder auf dem Ausgangsniveau. Ein Depotverlust von 30 Prozent wird also durch eine Kürzung um 30 Prozent vollständig ausgeglichen. Mehr dazu steht im Artikel Börsencrash kurz vor der Rente.
Wie viel Flexibilität du wirklich hast
Eine Leitplanken-Regel funktioniert nur, wenn die Kürzung im Ernstfall auch möglich ist. Miete, Strom, Versicherungen und Lebensmittel lassen sich nicht um 20 Prozent senken. Sinnvoll ist deshalb die Trennung in zwei Teile: einen Sockel für die Fixkosten, der nie gekürzt wird und der eher mit einer vorsichtigen Rate von 3 bis 3,5 Prozent geplant wird, und einen flexiblen Teil für Reisen, Auto und Anschaffungen. Nur der flexible Teil ist die Manövriermasse für die Leitplanken.
Praktisch heißt das: Wenn 1.100 Euro im Monat Fixkosten sind und die Startentnahme 1.667 Euro beträgt, sind maximal 567 Euro flexibel, also 34 Prozent. Eine Regel, die im schlechten Fall um 25 Prozent kürzt, passt in diesen Rahmen. Eine Regel, die 40 Prozent Kürzung vorsieht, nicht.
Was die Planungsdauer damit zu tun hat
Wer kürzer plant, braucht weniger Flexibilität. Dieselben 4 Prozent Startentnahme aus 500.000 Euro scheitern über 20 Jahre nur in 11,3 Prozent der Verläufe statt in 34,1 Prozent über 30 Jahre. Leitplanken sind also vor allem für lange Ruhestände und frühe Ausstiege wichtig. Wie der Unterschied zwischen fester und mitwachsender Entnahme entsteht, zeigt der Artikel zur dynamischen und festen Entnahme, und die Herkunft der 4-Prozent-Zahl erklärt die Seite zur 4-Prozent-Regel.
Rechne deine eigenen Leitplanken
Setze deine Startrate, deine Kürzungsstufe und deinen Zeithorizont ein und vergleiche die Pleitewahrscheinlichkeiten nebeneinander: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir für jede Variante die Monte-Carlo-Auswertung inklusive Restkapital-Perzentilen und auf Wunsch die Steuer auf die Entnahme.
Häufige Fragen
Was ist eine flexible Entnahme mit Leitplanken?
Statt einer fest fortgeschriebenen Rate legst du zwei Schwellen für die aktuelle Entnahmequote fest, also für Jahresentnahme geteilt durch aktuellen Depotwert. Steigt die Quote über die obere Leitplanke, kürzt du die Entnahme um einen festen Prozentsatz. Fällt sie unter die untere Leitplanke, erhöhst du. Dazwischen bleibt alles wie geplant und wird nur an die Inflation angepasst.
Wie stark senkt eine Kürzung die Pleitewahrscheinlichkeit?
Bei 500.000 Euro über 30 Jahre, 6 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung und 2 Prozent Inflation scheitern 34,1 Prozent der simulierten Verläufe bei 4 Prozent Startentnahme (1.667 Euro im Monat). Eine dauerhafte Kürzung um 10 Prozent auf 1.500 Euro senkt den Wert auf 26,1 Prozent, eine Kürzung um 20 Prozent auf 1.333 Euro auf 19,2 Prozent und eine Kürzung um 25 Prozent auf 1.250 Euro auf 15,1 Prozent.
Darf ich mit Leitplanken höher starten als mit fester Rate?
Ja, aber nur wenn die Kürzung im Ernstfall auch wirklich möglich ist. Wer 4 statt 3 Prozent entnimmt, hat monatlich 417 Euro mehr, trägt aber statt 15,1 Prozent ein Pleiterisiko von 34,1 Prozent. Die Bereitschaft zu kürzen ist der Preis für den höheren Start. Deshalb sollte nur der Teil der Entnahme über der unteren Leitplanke liegen, der auch verzichtbar ist.