Ratgeber Entnahmeplan

Dynamische oder feste Entnahme? Der Kaufkraft-Vergleich

Die feste Entnahme sieht auf dem Papier immer besser aus. Was sie wirklich kostet, zeigt erst die Rechnung in heutiger Kaufkraft, hier für 300.000 Euro über 25 Jahre.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Bei 300.000 Euro, 5 Prozent Rendite und 25 Jahren Laufzeit erlaubt die feste Entnahme 1.774 Euro im Monat, die dynamische nur 1.426 Euro. Die 348 Euro Unterschied sind kein Geschenk, sondern ein Vorschuss: Die feste Entnahme verliert bei 2 Prozent Inflation bis zum Jahr 25 genau 39 Prozent ihrer Kaufkraft und ist dann real nur noch 1.081 Euro wert. Ab dem zwölften Jahr zahlt der dynamische Plan mehr aus als der feste, und er zahlt bis zum Schluss real denselben Betrag.

Die beiden Rechenwege in einem Satz

Die feste Entnahme ist die klassische Annuität: Kapital, Zins und Dauer ergeben einen Betrag, der nominal nie wieder angefasst wird. Die dynamische Entnahme rechnet stattdessen mit dem Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1 und lässt den ausgezahlten Betrag jedes Jahr mit der Inflation mitwachsen. Bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation bleiben davon 2,94 Prozent Realzins übrig, und genau dieser Unterschied erklärt die niedrigere Startentnahme.

300.000 Euro über 25 Jahre: die Auszahlung im Zeitverlauf

Beide Pläne verbrauchen dasselbe Kapital in denselben 25 Jahren. Der Unterschied liegt allein in der Verteilung über die Zeit, hier jeweils pro Monat:

JahrFeste Entnahme (nominal)Feste Entnahme (heutige Kaufkraft)Dynamische Entnahme (nominal)Dynamische Entnahme (heutige Kaufkraft)
11.774 Euro1.739 Euro1.455 Euro1.426 Euro
51.774 Euro1.607 Euro1.575 Euro1.426 Euro
101.774 Euro1.455 Euro1.739 Euro1.426 Euro
151.774 Euro1.318 Euro1.920 Euro1.426 Euro
201.774 Euro1.194 Euro2.119 Euro1.426 Euro
251.774 Euro1.081 Euro2.340 Euro1.426 Euro

Annahmen: 300.000 Euro Startkapital, 5 Prozent Rendite, 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern und Kosten.

Die vierte Spalte ist die eigentliche Botschaft: Ab Jahr 12 überholt die dynamische Entnahme die feste auch nominal (1.809 statt 1.774 Euro), und real liegt sie ab Jahr 10 vorn. Wer sich am Anfang die höhere feste Rate gönnt, borgt sie sich beim eigenen 75-jährigen Ich.

Nominal mehr, real weniger: die Summenrechnung

Über die vollen 25 Jahre zahlt der feste Plan nominal 532.143 Euro aus, der dynamische 559.183 Euro. In heutiger Kaufkraft gerechnet sind es 415.571 gegenüber 427.891 Euro. Der dynamische Plan liefert also sogar etwas mehr Gesamtkaufkraft, weil das Kapital länger im Depot bleibt und dort weiter arbeitet. Die feste Entnahme zieht Geld nach vorn, wo es keine Rendite mehr erwirtschaftet.

Der Preis der Sicherheit: was die Startentnahme kostet

Die Lücke zwischen beiden Startbeträgen hängt an der Rendite. Je höher sie ist, desto weniger fällt die Inflation ins Gewicht:

RenditeFeste Entnahme pro MonatDynamische Entnahme pro Monat (heutige Kaufkraft)Abschlag am Start
3 Prozent1.436 Euro1.132 Euro21,1 Prozent
5 Prozent1.774 Euro1.426 Euro19,6 Prozent
6 Prozent1.956 Euro1.587 Euro18,8 Prozent

Bei anderen Kapitalhöhen bleibt das Verhältnis gleich, weil beide Formeln linear im Kapital sind:

StartkapitalFeste Entnahme pro MonatDynamische Entnahme pro Monat (heutige Kaufkraft)Feste Entnahme im Jahr 25 real wert
200.000 Euro1.183 Euro951 Euro721 Euro
300.000 Euro1.774 Euro1.426 Euro1.081 Euro
500.000 Euro2.956 Euro2.377 Euro1.802 Euro
750.000 Euro4.435 Euro3.566 Euro2.703 Euro

Jeweils 5 Prozent Rendite, 2 Prozent Inflation, 25 Jahre Laufzeit.

Wenn die Entnahme feststeht: der Reichweite-Effekt

Andersherum gefragt: Du willst 1.500 Euro im Monat aus 300.000 Euro entnehmen. Nominal eingefroren reicht das Kapital 36,7 Jahre. Inflationsangepasst, also mit gleichbleibender Kaufkraft, sind es nur 23,2 Jahre. Das ist derselbe Plan, nur ehrlich gerechnet. Genau diese Differenz erklärt, warum viele Auszahlplan-Rechner so viel großzügiger wirken als die Realität es zulässt. Mehr dazu im Artikel Wie lange reichen 100.000 Euro?.

Ist die feste Entnahme wenigstens sicherer?

Die naheliegende Vermutung: Wer nominal einfriert, spart automatisch und senkt damit das Risiko. Das stimmt, aber nur weil man real weniger ausgibt. Die Monte-Carlo-Simulation (3.000 Pfade, Seed 42, erwartete Rendite 5 Prozent, Schwankung 15 Prozent) zeigt drei Fälle über 25 Jahre bei 300.000 Euro Startkapital:

PlanStartentnahme pro MonatPleitewahrscheinlichkeit in 25 Jahren
Feste Entnahme, auf 25 Jahre kalibriert1.774 Euro64,3 Prozent
Dynamische Entnahme, auf 25 Jahre kalibriert1.426 Euro64,5 Prozent
Dynamischer Startbetrag, aber nominal eingefroren1.426 Euro41,7 Prozent

Zwei Dinge stehen darin. Erstens: Bei gleicher Kalibrierung ist das Risiko praktisch identisch, die Wahl zwischen fest und dynamisch ist also keine Risikofrage, sondern eine Kaufkraftfrage. Zweitens: Die dritte Zeile senkt das Risiko nur deshalb, weil die Kaufkraft im Jahr 25 auf 869 Euro geschrumpft ist. Das ist eine Kürzung, die niemand bewusst beschlossen hat.

Und alle drei Zahlen liegen unangenehm hoch. Das liegt nicht an der Entnahmeart, sondern daran, dass ein Plan, der rechnerisch punktgenau bei null endet, jeden Schwankungsverlauf ungebremst trifft. Warum das so ist, erklärt der Artikel zum Renditereihenfolge-Risiko.

Was das für deinen Plan bedeutet

Rechne die Entnahme immer dynamisch und nimm die niedrigere Zahl als Ausgangspunkt. Sie ist nicht pessimistisch, sondern die einzige, die über die ganze Laufzeit dasselbe bedeutet. Wer die feste Variante trotzdem bevorzugt, sollte sie mindestens alle fünf Jahre neu rechnen und den Betrag nachziehen. Und wer eine Pleitewahrscheinlichkeit unter 10 Prozent will, muss unabhängig von der Entnahmeart deutlich unter der rechnerisch maximalen Entnahme bleiben, siehe dazu die 3-Prozent-Regel.

Rechne deinen eigenen Fall

Anderes Kapital, andere Laufzeit, andere Inflationsannahme: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt beide Sichten nebeneinander, nominal und real, inklusive Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Verlauf und Steuern auf ETF-Entnahmen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen dynamischer und fester Entnahme?

Bei der festen Entnahme bleibt der ausgezahlte Betrag über die ganze Laufzeit nominal gleich. Bei der dynamischen Entnahme steigt er jedes Jahr mit der Inflation, damit die Kaufkraft konstant bleibt. Gerechnet wird die dynamische Variante über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1. Die feste Entnahme startet deshalb höher, verliert aber jedes Jahr an Wert.

Wie viel Kaufkraft kostet eine feste Entnahme über 25 Jahre?

Bei 2 Prozent Inflation verliert eine nominal eingefrorene Entnahme in 25 Jahren 39 Prozent ihrer Kaufkraft. Aus 1.774 Euro im Monat werden real noch 1.081 Euro. Nach 15 Jahren sind es bereits nur noch 1.318 Euro.

Ist eine feste Entnahme sicherer als eine dynamische?

Nur scheinbar. Wer denselben Startbetrag nimmt und ihn einfriert, senkt das Pleiterisiko in der Simulation von rund 65 auf rund 42 Prozent, bezahlt diese Sicherheit aber mit stillen Kürzungen des Lebensstandards. Kalibriert man beide Pläne auf dieselben 25 Jahre, ist das Risiko praktisch identisch.