Kurzantwort: Maßstab ist nicht die Rendite eines Jahres, sondern der Abstand deines Depots zum Planpfad. In der Modellrechnung mit 500.000 Euro, 30 Jahren Planung und 1.610 Euro Entnahme im Monat liegt die Pleitewahrscheinlichkeit bei 32,3 Prozent. Bleibt die Entnahme unverändert, steigt sie bei 10 Prozent Rückstand auf 41,2 Prozent, bei 20 Prozent Rückstand auf 51,8 Prozent und bei 30 Prozent Rückstand auf 62,9 Prozent. Wer die Entnahme im gleichen Verhältnis kürzt, steht in jedem dieser Fälle wieder bei 32,3 Prozent. Weil ein normales Aktiendepot schon in einem einzigen Jahr zwischen 15,8 Prozent unter und 21,9 Prozent über Plan landen kann, ist eine Reaktion unterhalb von rund 10 Prozent Abweichung meist Aktionismus.
Der Plan als Messlatte
Ohne Planpfad gibt es keine Abweichung, die man messen könnte. Unser Beispiel: 500.000 Euro Depot, 30 Jahre geplante Dauer, bewusst vorsichtige Planannahme von 3 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation. Daraus ergibt sich ein Realzins von 0,98 Prozent und eine konstante Entnahme von 19.318,60 Euro im Jahr, also rund 1.610 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft. Das entspricht einer Startrate von 3,86 Prozent. Nominal wird im ersten Jahr 19.704,98 Euro entnommen, weil der Betrag mit der Inflation mitwächst.
Der Planpfad ist der Depotwert, den dieser Plan Jahr für Jahr vorsieht. Er ist der Vergleichswert für jeden Kontostand:
| Ende von Jahr | Planwert des Depots (nominal) |
|---|---|
| 1 | 495.295 Euro |
| 3 | 484.255 Euro |
| 5 | 470.879 Euro |
| 10 | 425.800 Euro |
Der Planwert sinkt nur langsam, weil die vorsichtige Annahme von 3 Prozent Rendite einen großen Teil der Entnahme trägt. Alle Risikozahlen in diesem Artikel stammen aus der Monte-Carlo-Simulation mit 6 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung, 2 Prozent Inflation, 3.000 Pfaden und Startwert 42. Für den kompletten 30-Jahres-Plan liegt die Pleitewahrscheinlichkeit damit bei 30,8 Prozent.
Die Rechnung ist einfacher, als die meisten denken
Die tragfähige Entnahme ist proportional zum Kapital. Liegt dein Depot 20 Prozent unter dem Planpfad, ist auch die Entnahme, die den Rest der geplanten Dauer noch trägt, exakt 20 Prozent kleiner. Das gilt unabhängig davon, ob du im dritten oder im fünfzehnten Jahr bist. Du brauchst also keine komplizierte Regel, sondern nur zwei Zahlen: den aktuellen Depotwert und den Planwert für dieses Jahr.
Wichtig ist der Bezug auf den Planpfad, nicht auf die Jahresrendite. Ein Jahr mit 20 Prozent Verlust setzt das Depot im Beispiel auf 380.295 Euro, das sind 23,2 Prozent unter dem Planwert von 495.295 Euro. Der Rückstand ist größer als der Kursverlust, weil die Entnahme zusätzlich abgeflossen ist und weil der Plan im selben Jahr eine positive Rendite vorgesehen hatte.
Was Nichtstun kostet
Die zentrale Tabelle: Wie verändert sich die Pleitewahrscheinlichkeit für die Restlaufzeit, wenn das Depot nach dem ersten Jahr vom Plan abweicht? Verglichen werden zwei Reaktionen, gar keine und die volle Anpassung.
| Abweichung vom Planpfad | Depotwert | Risiko ohne Reaktion | Entnahme nach voller Anpassung | Risiko danach |
|---|---|---|---|---|
| 30 Prozent Rückstand | 346.707 Euro | 62,9 Prozent | 1.127 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| 25 Prozent Rückstand | 371.471 Euro | 57,4 Prozent | 1.207 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| 20 Prozent Rückstand | 396.236 Euro | 51,8 Prozent | 1.288 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| 15 Prozent Rückstand | 421.001 Euro | 45,8 Prozent | 1.368 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| 10 Prozent Rückstand | 445.766 Euro | 41,2 Prozent | 1.449 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| 5 Prozent Rückstand | 470.530 Euro | 36,5 Prozent | 1.529 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| genau auf Plan | 495.295 Euro | 32,3 Prozent | 1.610 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| 10 Prozent Vorsprung | 544.825 Euro | 24,3 Prozent | 1.771 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
| 20 Prozent Vorsprung | 594.354 Euro | 18,9 Prozent | 1.932 Euro/Monat | 32,3 Prozent |
Restlaufzeit 29 Jahre, Entnahme jeweils inflationsangepasst, Angaben in heutiger Kaufkraft. Die Spalte ganz rechts ist immer gleich, weil die volle Anpassung das Risikoprofil des ursprünglichen Plans wiederherstellt.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Jede 5 Prozent Abweichung kosten rund 4 bis 6 Prozentpunkte Pleiterisiko, wenn du nichts tust. Zweitens: Die volle Anpassung setzt das Risiko exakt auf den Ausgangswert zurück, egal wie schlecht das Jahr war. Genau das ist der Kern des Nachjustierens. Du kannst das Kapital nicht zurückholen, aber du kannst die Wahrscheinlichkeit wieder auf das Niveau bringen, mit dem du gestartet bist.
Dieselbe Rechnung im fünften und zehnten Jahr zeigt fast identische Werte: Bei 20 Prozent Rückstand nach fünf Jahren liegt das Risiko ohne Reaktion bei 53,4 Prozent statt 33,3 Prozent, nach zehn Jahren bei 56,7 Prozent statt 34,3 Prozent. Die Schwellen ändern sich also im Lauf des Ruhestands kaum.
Warum du trotzdem nicht auf jede Bewegung reagieren solltest
Ein Aktiendepot streut auch dann heftig, wenn alles nach Plan läuft. So weit liegen die simulierten Verläufe um den Planpfad:
| Nach Jahr | schwache Verläufe (unteres Zehntel) | Mittelwert der Verläufe | starke Verläufe (oberes Zehntel) |
|---|---|---|---|
| 1 | 15,8 Prozent unter Plan | 2,8 Prozent über Plan | 21,9 Prozent über Plan |
| 3 | 26,9 Prozent unter Plan | 6,3 Prozent über Plan | 46,5 Prozent über Plan |
| 5 | 33,4 Prozent unter Plan | 10,2 Prozent über Plan | 76,5 Prozent über Plan |
| 10 | 48,1 Prozent unter Plan | 22,0 Prozent über Plan | 151,4 Prozent über Plan |
Perzentile p10, p50 und p90 der simulierten Depotwerte, jeweils im Vergleich zum Planwert desselben Jahres.
Schon nach einem einzigen Jahr reicht die normale Bandbreite von 15,8 Prozent unter bis 21,9 Prozent über Plan. Wer bei jeder Abweichung von 5 Prozent nachjustiert, ändert sein Monatsbudget praktisch jedes Jahr, in beide Richtungen. Deshalb ist die ehrliche Empfehlung ein Kompromiss: unterhalb von etwa 10 Prozent Abweichung beobachten, ab 10 Prozent reagieren, ab 20 Prozent voll anpassen. Wer noch später reagiert, zahlt mit Risiko: Bei 30 Prozent Rückstand ohne Reaktion scheitern fast zwei von drei simulierten Verläufen.
Die halbe Anpassung als Mittelweg
Statt sofort um den vollen Rückstand zu kürzen, kannst du die Hälfte kürzen. Das schont das Budget und nimmt den größten Teil des Risikoanstiegs weg:
| Rückstand | keine Reaktion | halbe Kürzung | volle Anpassung |
|---|---|---|---|
| 10 Prozent | 41,2 Prozent Risiko | 1.529 Euro/Monat, 36,5 Prozent | 1.449 Euro/Monat, 32,3 Prozent |
| 15 Prozent | 45,8 Prozent Risiko | 1.489 Euro/Monat, 37,7 Prozent | 1.368 Euro/Monat, 32,3 Prozent |
| 20 Prozent | 51,8 Prozent Risiko | 1.449 Euro/Monat, 41,7 Prozent | 1.288 Euro/Monat, 32,3 Prozent |
| 30 Prozent | 62,9 Prozent Risiko | 1.368 Euro/Monat, 47,6 Prozent | 1.127 Euro/Monat, 32,3 Prozent |
Bei 20 Prozent Rückstand nimmt die halbe Kürzung um 161 Euro im Monat rund 10 Prozentpunkte Risiko heraus, die zweite Hälfte weitere 9 Prozentpunkte. Die volle Anpassung kostet in diesem Fall 322 Euro im Monat, bei 30 Prozent Rückstand sind es 483 Euro. Wie stark eine dauerhafte Kürzung generell wirkt, zeigt der Artikel zu flexiblen Entnahmen mit Leitplanken.
Erhöhen ist die gefährlichere Richtung
Nach guten Jahren fühlt sich eine Erhöhung verdient an. Die Rechnung sieht das anders, weil die Erhöhung dauerhaft wirkt, der Vorsprung aber nicht. Beispiel: Nach einem Jahr mit 20 Prozent Vorsprung wird die Entnahme voll auf 1.932 Euro erhöht, im zweiten Jahr folgt ein Crash mit 30 Prozent Verlust. Danach liegt die Pleitewahrscheinlichkeit für die 28 Restjahre bei 68,7 Prozent. Wer die Entnahme bei 1.610 Euro belassen hat, kommt im selben Verlauf auf 50,2 Prozent. Der Unterschied im Depot beträgt nur 4.020 Euro, der Unterschied im Risiko dagegen 18,5 Prozentpunkte, weil die höhere Entnahme jedes weitere Jahr mitläuft.
Praktisch heißt das: Kürzen früh und vollständig, Erhöhen spät und nur teilweise. Wer die Entnahme anheben will, sollte den Vorsprung erst einmal ein bis zwei Jahre stehen lassen und dann höchstens die Hälfte davon ins Budget nehmen.
Wie lange ein Rückstand nachwirkt
Ein Rückstand verschwindet nicht von selbst, wenn die Märkte sich erholen, denn der Planpfad läuft ja weiter. Zwei gerechnete Beispiele mit unveränderter Entnahme und einer tatsächlichen Rendite von 6 Prozent statt der geplanten 3 Prozent:
- Nach einem ersten Jahr mit 10 Prozent Verlust (13,1 Prozent Rückstand) dauert es 6 weitere Jahre, bis das Depot wieder auf dem Planpfad liegt.
- Nach einem ersten Jahr mit 20 Prozent Verlust (23,2 Prozent Rückstand) sind es 12 weitere Jahre.
In dieser ganzen Zeit läuft der Plan mit erhöhtem Risiko. Das ist das Argument gegen Aussitzen und für eine Regel, die früh und kontrolliert nachsteuert. Warum Verluste am Anfang so viel schwerer wiegen als später, erklärt der Artikel zum Renditereihenfolge-Risiko.
Eine Regel, die im Alltag funktioniert
- Einmal im Jahr, fester Stichtag. Depotwert notieren, mit dem Planwert desselben Jahres vergleichen.
- Bis 10 Prozent Abweichung: nichts tun. Das ist normale Streuung, keine Fehlentwicklung.
- 10 bis 20 Prozent Rückstand: halb kürzen. Also um die Hälfte der prozentualen Abweichung.
- Über 20 Prozent Rückstand: voll anpassen. Entnahme um den gleichen Prozentsatz senken wie den Rückstand.
- Vorsprung: mindestens ein Jahr abwarten, dann höchstens die Hälfte in eine höhere Entnahme umsetzen.
- Planannahme regelmäßig prüfen. Wer mit einer zu optimistischen Rendite plant, merkt den Rückstand erst spät. Was realistisch ist, steht im Artikel zur Renditeannahme im Entnahmeplan.
Ein Cash-Puffer ersetzt die Anpassung nicht, verschafft aber Zeit, damit die Kürzung nicht sofort ins laufende Budget durchschlägt.
Rechne deinen eigenen Fall
Anderes Kapital, andere Dauer, andere Annahmen: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir den Planpfad in der Jahrestabelle, die tragfähige Entnahme für die verbleibende Dauer und die Pleitewahrscheinlichkeit aus der Monte-Carlo-Simulation. Trage einfach jedes Jahr dein aktuelles Kapital und die verbleibenden Jahre ein, dann siehst du sofort, wie groß die Abweichung wirklich ist.
Häufige Fragen
Ab welcher Abweichung muss ich die Entnahme kürzen?
Maßgeblich ist der Rückstand des Depots auf den Planpfad, nicht die Rendite eines einzelnen Jahres. In der Modellrechnung mit 500.000 Euro, 30 Jahren Planung und 1.610 Euro Entnahme im Monat steigt die Pleitewahrscheinlichkeit von 32,3 Prozent auf 41,2 Prozent bei 10 Prozent Rückstand, auf 51,8 Prozent bei 20 Prozent und auf 62,9 Prozent bei 30 Prozent, wenn die Entnahme unverändert bleibt. Unter etwa 10 Prozent Abweichung lohnt die Reaktion meist nicht, darüber schon.
Wie oft sollte ich den Entnahmeplan überprüfen?
Einmal im Jahr zu einem festen Stichtag reicht. Häufiger zu rechnen bringt wenig, weil ein Aktiendepot schon innerhalb eines Jahres stark streut: 80 Prozent der simulierten Verläufe liegen nach Jahr 1 zwischen 15,8 Prozent unter und 21,9 Prozent über dem Planwert. Wer auf jede Bewegung reagiert, ändert ständig sein Budget, ohne sicherer zu werden.
Darf ich die Entnahme nach einem guten Börsenjahr erhöhen?
Vorsichtiger und später als beim Kürzen. Wer nach einem Jahr mit 20 Prozent Vorsprung voll auf 1.932 Euro erhöht und danach ein Jahr mit 30 Prozent Verlust erlebt, landet für die Restlaufzeit bei 68,7 Prozent Pleitewahrscheinlichkeit. Ohne Erhöhung sind es im selben Verlauf 50,2 Prozent. Die Erhöhung wirkt dauerhaft, der Vorsprung nicht.