Ratgeber Entnahmeplan

Wie hoch sollte die Aktienquote im Ruhestand sein?

Die übliche Antwort lautet: im Alter weniger Aktien. Die gerechneten Zahlen sagen etwas anderes, sobald der Ruhestand lang wird oder die Entnahme spürbar ist.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Es gibt keine feste Zahl, sondern eine klare Abhängigkeit von Entnahmerate und Planungsdauer. Bei 500.000 Euro, 30 Jahren Planung und 4 Prozent Entnahme ist das Pleiterisiko bei 60 bis 80 Prozent Aktienquote am niedrigsten (rund 30,7 Prozent). Ohne Aktien steigt es auf 89,2 Prozent, mit 100 Prozent Aktien liegt es bei 32,2 Prozent. Wer dagegen nur 3 Prozent entnimmt, fährt mit einer niedrigen Quote sogar besser: dort liegt das Risiko ohne Aktien bei 4,2 Prozent und mit voller Aktienquote bei 17,4 Prozent. Die Aktienquote ist also keine Frage des Alters, sondern eine Frage davon, wie viel du dem Depot abverlangst und wie lange.

Was hier gerechnet wird

Alle Simulationen unterstellen einen Aktienteil mit 7 Prozent erwarteter Rendite und 18 Prozent Schwankung und einen sicheren Teil (Tagesgeld, kurzlaufende Anleihen) mit 2,5 Prozent Rendite und 3 Prozent Schwankung. Die erwartete Rendite der Mischung wächst linear mit der Aktienquote, die Schwankung wird bei unterstellter Unkorreliertheit über die Wurzelformel gemischt. Daraus ergeben sich diese Depot-Profile:

AktienquoteErwartete RenditeSchwankungRealzins bei 2 % Inflation
0 %2,50 %3,00 %0,49 %
25 %3,63 %5,03 %1,59 %
50 %4,75 %9,12 %2,70 %
75 %5,88 %13,52 %3,80 %
100 %7,00 %18,00 %4,90 %

Annahmen vor Steuern und Kosten. Monte-Carlo jeweils mit 3.000 Verläufen und festem Startwert (Seed 42), normalverteilte Jahresrenditen, Entnahme jährlich um 2 Prozent Inflation erhöht.

30 Jahre, 4 Prozent Entnahme: das U wird sichtbar

Startkapital 500.000 Euro, Entnahme 20.000 Euro pro Jahr in heutiger Kaufkraft (rund 1.667 Euro im Monat), Planung über 30 Jahre:

AktienquotePleitewahrscheinlichkeitRestkapital Median (real)Restkapital oberes Zehntel (real)
0 %89,2 %0 Euro3.275 Euro
25 %42,8 %21.176 Euro204.205 Euro
50 %31,9 %114.728 Euro645.168 Euro
75 %30,5 %198.030 Euro1.300.000 Euro
100 %32,2 %259.231 Euro2.262.851 Euro

Restkapital nach 30 Jahren, in heutige Kaufkraft umgerechnet. Median heißt: die Hälfte der Verläufe endet darüber, die Hälfte darunter.

Im Feinraster liegt das Minimum bei 60 Prozent Aktien (30,9 Prozent Pleiterisiko) sowie bei 70 und 80 Prozent (jeweils 30,7 Prozent). Von 80 auf 100 Prozent steigt das Risiko wieder leicht an, weil die zusätzliche Schwankung den Renditevorteil auffrisst. Der entscheidende Punkt liegt aber am anderen Ende: Zwischen 0 und 30 Prozent Aktienquote fällt das Pleiterisiko von 89,2 auf 38,6 Prozent. Der Weg nach unten ist also viel gefährlicher als der Weg nach oben.

Warum zu wenig Aktien riskant ist

Ein Depot ohne Aktien schwankt kaum, aber es verdient nach Inflation fast nichts. Bei 2,5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation bleiben 0,49 Prozent Realzins. Rechnet man das ganz ohne Zufall, also mit exakt gleicher Rendite jedes Jahr, tragen 500.000 Euro bei 20.000 Euro Jahresentnahme nur 26,7 Jahre. Der Plan scheitert dann nicht wegen Pech an der Börse, sondern rechnerisch mit Ansage. Zum Vergleich die deterministische Reichweite derselben Entnahme:

AktienquoteReichweite ohne SchwankungMaximale Entnahme über 30 Jahre
0 %26,7 Jahre1.497 Euro/Monat
25 %32,1 Jahre1.758 Euro/Monat
50 %42,1 Jahre2.043 Euro/Monat
75 %80,2 Jahre2.351 Euro/Monat
100 %unbegrenzt2.680 Euro/Monat

Alles in heutiger Kaufkraft bei 2 Prozent Inflation. Unbegrenzt heißt: der Realzins von 4,90 Prozent trägt die Entnahme von 4 Prozent dauerhaft, ohne Kapitalverzehr.

Zwischen 1.497 und 2.680 Euro im Monat liegen fast 1.200 Euro Lebensqualität. Das ist der Preis, den eine Aktienquote von null in diesem Modell kostet.

Die Entnahmerate entscheidet mit

Die richtige Aktienquote ändert sich, sobald du weniger oder mehr entnimmst. Hier die Pleitewahrscheinlichkeit über 30 Jahre, dieselben 500.000 Euro:

Entnahme pro Jahr (real)0 % Aktien25 %50 %75 %100 %
15.000 Euro (3,0 %)4,2 %2,7 %6,5 %11,8 %17,4 %
17.500 Euro (3,5 %)43,4 %14,7 %16,4 %20,6 %24,6 %
20.000 Euro (4,0 %)89,2 %42,8 %31,9 %30,5 %32,2 %
22.500 Euro (4,5 %)99,6 %72,5 %47,9 %42,0 %41,8 %

Das Muster ist eindeutig: Bei 3 Prozent Entnahme braucht der Plan gar keine hohe Aktienquote, das sichere Depot reicht rechnerisch aus, und Aktien fügen nur Schwankung hinzu. Ab 3,5 Prozent kippt es, ab 4 Prozent ist eine niedrige Quote die mit Abstand schlechteste Wahl. Mehr zur sicheren Entnahmehöhe steht im Artikel zur 3-Prozent-Regel.

Der Planungshorizont dreht das Ergebnis um

Gleiche 500.000 Euro, gleiche 20.000 Euro Entnahme, nur andere geplante Dauer:

Planungsdauer0 % Aktien25 %50 %75 %100 %
20 Jahre0,0 %0,3 %3,7 %7,8 %14,5 %
30 Jahre89,2 %42,8 %31,9 %30,5 %32,2 %
40 Jahre100,0 %87,8 %57,9 %47,3 %45,4 %

Über 20 Jahre gewinnt das sichere Depot klar, weil die Kaufkraft in dieser Zeit nicht ausreicht, um es zu ruinieren. Über 40 Jahre scheitert es dagegen in jedem einzelnen der 3.000 simulierten Verläufe, während ein reines Aktiendepot in gut der Hälfte durchkommt. Wer mit 55 aufhört, hat deshalb ein völlig anderes Problem als jemand, der mit 70 anfängt zu entnehmen. Wie sich lange Horizonte auswirken, zeigt auch der Artikel Mit 55 in Rente.

Was die Zahlen nicht sagen

Drei Einschränkungen gehören dazu:

Dazu kommen Steuern und Kosten, die in allen Tabellen fehlen. Sie treffen das renditestärkere Depot absolut stärker, ändern aber nichts an der Rangfolge.

Praktische Einordnung

Aus den Zahlen lässt sich eine schlichte Faustregel ableiten: Je länger der Ruhestand und je höher die Entnahmerate, desto mehr Aktien braucht der Plan. Bei 30 Jahren Planung und einer Entnahme um 4 Prozent liegt der ruhige Bereich zwischen 50 und 80 Prozent Aktienquote, denn dort bewegt sich das Pleiterisiko nur zwischen 30,5 und 31,9 Prozent. Diese Spanne ist so flach, dass du die Quote innerhalb davon nach deinem Schlafbedürfnis wählen kannst, nicht nach der zweiten Nachkommastelle. Wer die Entnahme auf 3 Prozent senken kann, kauft sich damit mehr Sicherheit als mit jeder Umschichtung.

Rechne deinen eigenen Fall

Andere Rendite- und Schwankungsannahmen, anderes Kapital, andere Dauer: Der Entnahmeplan-Rechner simuliert deinen Fall mit 3.000 Verläufen und zeigt Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Perzentile und auf Wunsch die Steuer auf ETF-Entnahmen.

Häufige Fragen

Wie hoch sollte die Aktienquote im Ruhestand sein?

Das hängt vor allem an der Entnahmerate und am Planungshorizont. Bei 500.000 Euro, 30 Jahren und 4 Prozent Entnahme ist das Pleiterisiko bei 60 bis 80 Prozent Aktienquote mit rund 30,7 Prozent am niedrigsten. Ohne Aktien steigt es auf 89,2 Prozent, mit 100 Prozent Aktien auf 32,2 Prozent. Wer nur 3 Prozent entnimmt, kommt auch mit niedriger Quote durch: 4,2 Prozent Risiko ohne Aktien gegenüber 17,4 Prozent mit voller Quote.

Ist eine niedrige Aktienquote im Ruhestand nicht sicherer?

Nur bei kurzen Horizonten oder niedrigen Entnahmen. Ein Depot mit 2,5 Prozent erwarteter Rendite hat bei 2 Prozent Inflation nur 0,49 Prozent Realzins und trägt 500.000 Euro bei 20.000 Euro Entnahme selbst ohne jede Schwankung nur 26,7 Jahre. Die Sicherheit vor Kursschwankungen wird mit einem fast sicheren Kaufkraftproblem bezahlt.

Ändert sich die richtige Aktienquote mit der Länge des Ruhestands?

Ja, deutlich. Bei 20 Jahren Planung und 4 Prozent Entnahme liegt das Pleiterisiko ohne Aktien bei 0,0 Prozent und mit 100 Prozent Aktien bei 14,5 Prozent. Bei 40 Jahren scheitern ohne Aktien 100 Prozent der Verläufe, mit voller Aktienquote 45,4 Prozent. Je länger der Horizont, desto mehr Aktien braucht der Plan.