Ratgeber Entnahmeplan

Mit 55 in Rente: Reicht das Geld 40 Jahre?

Wer mit 55 aufhört, plant nicht für 20 oder 30 Jahre, sondern realistisch für 40. Was dieser lange Horizont am Kapitalbedarf, an der sicheren Entnahmerate und am Pleiterisiko ändert, steht hier mit allen Zahlen.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Für 2.000 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft über 40 Jahre braucht es bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation rund 481.000 Euro, bei 5 Prozent rund 560.000 Euro, bei 4 Prozent rund 661.000 Euro und ohne nennenswerte Rendite 960.000 Euro. Rechnet man die gesetzliche Rente ab 67 gegen, sinkt der Bedarf deutlich: Bei 2.500 Euro Bedarf und 1.400 Euro Rente sind es bei 6 Prozent rund 423.000 Euro. Der Haken steckt aber nicht im Kapitalbedarf, sondern im Risiko: Über 40 Jahre scheitert selbst eine Entnahme von 3 Prozent in rund 28 von 100 simulierten Verläufen.

40 Jahre sind der ehrliche Planungshorizont

Wer mit 55 aufhört und bis 95 plant, hat 40 Entnahmejahre vor sich. Das klingt nach viel, ist aber die vorsichtige Annahme, mit der man nicht mit 88 vor einem leeren Depot steht. Aus Sicht des Entnahmeplans passieren dabei zwei Dinge gleichzeitig, und beide arbeiten gegen dich:

Kapitalbedarf: 40 Jahre gegen 30 Jahre

Die Tabelle zeigt, wie viel Kapital am Anfang stehen muss, damit die Entnahme in heutiger Kaufkraft konstant bleibt und die geplante Dauer trägt. Die Entnahme steigt dabei jedes Jahr mit 2 Prozent Inflation.

Entnahme pro Monat (heutige Kaufkraft)0 % Rendite4 % Rendite5 % Rendite6 % Rendite
1.500 Euro, 40 Jahre720.000 Euro495.802 Euro420.051 Euro360.466 Euro
2.000 Euro, 40 Jahre960.000 Euro661.070 Euro560.068 Euro480.622 Euro
2.500 Euro, 40 Jahre1.200.000 Euro826.337 Euro700.085 Euro600.777 Euro
3.000 Euro, 40 Jahre1.440.000 Euro991.604 Euro840.102 Euro720.933 Euro
2.000 Euro, 30 Jahre720.000 Euro540.425 Euro474.008 Euro418.990 Euro

Annahme: 2 Prozent Inflation pro Jahr, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern. Gerechnet über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1.

Die letzte Zeile ist der interessante Vergleich: Für dieselben 2.000 Euro im Monat kostet der Sprung von 30 auf 40 Jahre bei 6 Prozent Rendite rund 62.000 Euro zusätzliches Kapital, bei 4 Prozent schon rund 121.000 Euro und ohne Rendite volle 240.000 Euro. Je niedriger die Rendite, desto teurer wird jedes zusätzliche Jahr.

Die sichere Entnahmerate schrumpft mit dem Horizont

Andersherum gefragt: Wie viel Prozent des Kapitals darf pro Jahr entnommen werden, damit es exakt die geplante Dauer trägt? Auch hier bleibt die Kaufkraft konstant.

Geplante Dauer4 % Rendite5 % Rendite6 % Renditeje 500.000 Euro bei 6 %
20 Jahre6,09 %6,69 %7,31 %3.045 Euro/Monat
25 Jahre5,10 %5,71 %6,35 %2.645 Euro/Monat
30 Jahre4,44 %5,06 %5,73 %2.387 Euro/Monat
35 Jahre3,98 %4,61 %5,30 %2.209 Euro/Monat
40 Jahre3,63 %4,29 %4,99 %2.081 Euro/Monat
45 Jahre3,37 %4,04 %4,77 %1.986 Euro/Monat

Auffällig ist, wie flach die Kurve am langen Ende wird. Von 20 auf 30 Jahre kostet die Entnahmerate bei 6 Prozent Rendite 1,58 Prozentpunkte, von 30 auf 40 Jahre nur noch 0,74 und von 40 auf 45 Jahre gerade einmal 0,22. Der Grund: Ab einem gewissen Punkt nähert sich die Entnahme dem realen Ertrag, den das Kapital dauerhaft abwirft. Bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation sind das 3,92 Prozent Realzins, also rund 1.634 Euro im Monat je 500.000 Euro, und zwar unbegrenzt lange. Mehr dazu im Artikel Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt.

Das eigentliche Problem ist das Risiko, nicht der Durchschnitt

Alle Tabellen oben unterstellen eine jedes Jahr exakt gleiche Rendite. Ein echtes Aktiendepot schwankt. Die Monte-Carlo-Simulation zieht deshalb 3.000 Zufallsverläufe mit 6 Prozent erwarteter Rendite und 15 Prozent Schwankung, wie bei einem weltweit gestreuten Aktiendepot, und zählt, in wie vielen davon das Geld vorzeitig alle ist.

Entnahmerate (real, pro Jahr)je 500.000 EuroPleiterisiko über 30 JahrePleiterisiko über 40 Jahre
3,0 %1.250 Euro/Monat15,1 %27,8 %
3,5 %1.458 Euro/Monat24,0 %38,5 %
4,0 %1.667 Euro/Monat34,1 %49,9 %
4,5 %1.875 Euro/Monat 58,4 %
5,0 %2.083 Euro/Monat 67,9 %

Monte-Carlo mit 3.000 Pfaden, Seed 42, erwartete Rendite 6 Prozent, Volatilität 15 Prozent, Inflation 2 Prozent, Entnahme inflationsangepasst, vor Steuern und Kosten.

Das ist die unbequeme Zahl dieses Artikels: Die Durchschnittsrechnung sagt, 4,99 Prozent tragen 40 Jahre. Die Simulation sagt, dass schon 4,0 Prozent in der Hälfte der Verläufe vorzeitig scheitern. Genau deshalb wird für lange Horizonte oft die 3-Prozent-Regel empfohlen, und selbst die kommt hier auf 27,8 Prozent Pleiterisiko. Wer mit 55 aufhört, sollte deshalb nicht die maximale Entnahme planen, sondern Spielraum einbauen: eine Entnahme, die in schlechten Jahren gekürzt werden kann, oder einen Teil des Bedarfs, der ohnehin aus anderen Quellen kommt.

Die gesetzliche Rente ab 67 entlastet den Plan massiv

Zwischen 55 und dem regulären Rentenbeginn mit 67 liegen zwölf Jahre, in denen das Depot den kompletten Bedarf tragen muss. Danach schließt es nur noch die Lücke. Diese Zweiteilung senkt den Kapitalbedarf spürbar. Die Tabelle rechnet einen Plan über 40 Jahre: zwölf Jahre voller Bedarf, danach 28 Jahre nur die Differenz zur Rente.

Bedarf und Rente (heutige Kaufkraft)0 % Rendite4 % Rendite5 % Rendite6 % Rendite
2.000 Euro Bedarf, 1.200 Euro Rente556.800 Euro417.080 Euro367.869 Euro328.011 Euro
2.500 Euro Bedarf, 1.400 Euro Rente729.600 Euro541.683 Euro475.853 Euro422.731 Euro
3.000 Euro Bedarf, 1.600 Euro Rente902.400 Euro666.285 Euro583.837 Euro517.451 Euro

Bemerkenswert ist, wie viel davon allein auf die Brücke entfällt. Beim mittleren Fall (2.500 Euro Bedarf, 6 Prozent Rendite) kosten die zwölf Jahre bis 67 rund 282.838 Euro von insgesamt 422.731 Euro, also zwei Drittel des gesamten Kapitals für ein knappes Drittel der Zeit. Wer den Ausstieg um ein paar Jahre nach hinten schiebt, spart deshalb doppelt: kürzere Brücke und kürzerer Gesamthorizont. Der Vergleich mit einem Ausstieg fünf Jahre später steht im Artikel Mit 60 in Rente.

Die Rentenhöhe ist hier als Wert in heutiger Kaufkraft angenommen. Wie hoch deine tatsächliche Rente bei einem Ausstieg mit 55 ausfällt, steht in deiner Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung. Ohne weitere Beitragsjahre fällt sie niedriger aus als die dort hochgerechnete Prognose, und vor dem frühestmöglichen Rentenbeginn fließt gar nichts.

Was in diesen Zahlen noch fehlt

Alle Werte sind Bruttowerte vor Steuern und Kosten. Beim Entsparen eines ETF-Depots wird nur der Gewinnanteil der Entnahme besteuert, nach 30 Prozent Teilfreistellung und Sparerpauschbetrag, was die effektive Belastung oft klein hält. Details dazu im Artikel Entnahmeplan und Steuern. Ebenfalls nicht enthalten: Krankenversicherungsbeiträge, die in einem so frühen Ruhestand komplett selbst getragen werden müssen, und Pflegekosten am Lebensende. Beides gehört als eigener Posten in den Bedarf, nicht in die Rendite-Annahme.

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Andere Rendite, anderer Bedarf, anderer Horizont: Der Entnahmeplan-Rechner rechnet deinen Fall in Sekunden, inklusive Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Verlauf und auf Wunsch Steuern auf ETF-Entnahmen.

Häufige Fragen

Wie viel Kapital brauche ich, um mit 55 in Rente zu gehen?

Für 2.000 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft über 40 Jahre werden bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation rund 481.000 Euro gebraucht, bei 5 Prozent rund 560.000 Euro, bei 4 Prozent rund 661.000 Euro und ohne nennenswerte Rendite 960.000 Euro. Wer die gesetzliche Rente ab 67 gegenrechnet, kommt deutlich niedriger heraus: Bei 2.500 Euro Bedarf und 1.400 Euro Rente sind es bei 6 Prozent rund 423.000 Euro.

Wie hoch ist die sichere Entnahmerate über 40 Jahre?

In der Durchschnittsrechnung mit 2 Prozent Inflation trägt ein Depot über 40 Jahre 3,63 Prozent pro Jahr bei 4 Prozent Rendite, 4,29 Prozent bei 5 Prozent Rendite und 4,99 Prozent bei 6 Prozent Rendite. Über 30 Jahre wären es 4,44, 5,06 und 5,73 Prozent. Die zehn zusätzlichen Jahre kosten also rund 0,7 bis 0,8 Prozentpunkte Entnahmerate.

Wie viel riskanter sind 40 Jahre gegenüber 30 Jahren?

In der Monte-Carlo-Simulation mit 6 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung und 2 Prozent Inflation steigt die Pleitewahrscheinlichkeit bei 3 Prozent Entnahmerate von 15,1 Prozent über 30 Jahre auf 27,8 Prozent über 40 Jahre. Bei 3,5 Prozent geht es von 24,0 auf 38,5 Prozent, bei 4 Prozent von 34,1 auf 49,9 Prozent. Der lange Horizont verdoppelt das Risiko ungefähr.