Kurzantwort: Im Entnahmeplan ist der Unterschied kleiner, als die Debatte vermuten lässt, weil sich die Vorabpauschale um die Ausschüttung mindert. In einem normalen Jahr liegt der Ausschütter sogar leicht vorn: Bei 300.000 Euro Depot, 12.000 Euro Jahresentnahme und 40 Prozent Gewinnanteil zahlt der Thesaurierer 1.879,17 Euro Steuer, der Ausschütter mit 1,7 Prozent Ausschüttungsquote nur 1.504,25 Euro. In einem schwachen Börsenjahr dreht sich das Ergebnis um: Dann entfällt die Vorabpauschale komplett, die Ausschüttung aber nicht, und der Thesaurierer zahlt 611,37 Euro weniger. Über den ganzen Plan gerechnet entspricht die Spanne etwa 20 Euro Entnahme im Monat.
Der Satz, an dem alles hängt
Die Vorabpauschale ist keine Zusatzsteuer für Thesaurierer allein. Sie ist der Betrag, um den die Ausschüttungen eines Jahres den Basisertrag unterschreiten. Anders gesagt: Der Fiskus will jedes Jahr mindestens den Basisertrag besteuern. Schüttet dein Fonds nichts aus, holt er sich alles über die Vorabpauschale. Schüttet er aus, wird die Ausschüttung angerechnet und nur der Rest als Vorabpauschale angesetzt.
Für 2026 gilt ein Basiszins von 3,20 Prozent. Der Basisertrag ist davon 70 Prozent, also 2,24 Prozent des Depotwerts zu Jahresbeginn. Bei 300.000 Euro sind das 6.720 Euro. Und genau diese 6.720 Euro landen in der Bemessungsgrundlage, egal welche Fondsvariante du hältst, solange die Ausschüttung darunter bleibt:
| Ausschüttungsquote | Ausschüttung | verbleibende Vorabpauschale | Summe der Bemessung |
|---|---|---|---|
| 0,0 % (Thesaurierer) | 0 Euro | 6.720,00 Euro | 6.720,00 Euro |
| 1,2 % | 3.600,00 Euro | 3.120,00 Euro | 6.720,00 Euro |
| 1,7 % | 5.100,00 Euro | 1.620,00 Euro | 6.720,00 Euro |
| 2,24 % | 6.720,00 Euro | 0,00 Euro | 6.720,00 Euro |
| 3,2 % | 9.600,00 Euro | 0,00 Euro | 9.600,00 Euro |
Depotwert 300.000 Euro zu Jahresbeginn, Basiszins 3,20 Prozent (BMF-Schreiben vom 13.01.2026). Werte vor Teilfreistellung und Sparerpauschbetrag. Mehr dazu im Artikel zur Vorabpauschale 2026.
Das normale Jahr: der Ausschütter liegt leicht vorn
Jetzt die vollständige Rechnung. Beide Depots starten mit 300.000 Euro, legen brutto 5 Prozent zu, du brauchst 12.000 Euro im Jahr, und der Gewinnanteil im Depot liegt bei 40 Prozent. Der Thesaurierer verkauft die vollen 12.000 Euro. Der Ausschütter bekommt einen Teil als Ausschüttung aufs Konto und verkauft nur den Rest. Gerechnet ist mit 30 Prozent Teilfreistellung, einem Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro und 26,375 Prozent Steuersatz ohne Kirchensteuer.
| Ausschüttungsquote | Ausschüttung | Verkauf nötig | Steuer Thesaurierer | Steuer Ausschütter | Vorteil Ausschütter |
|---|---|---|---|---|---|
| 1,0 % | 3.000 Euro | 9.000 Euro | 1.879,17 Euro | 1.660,11 Euro | 219,05 Euro |
| 1,7 % | 5.100 Euro | 6.900 Euro | 1.879,17 Euro | 1.504,25 Euro | 374,91 Euro |
| 2,24 % | 6.720 Euro | 5.280 Euro | 1.879,17 Euro | 1.382,57 Euro | 496,60 Euro |
| 3,0 % | 9.000 Euro | 3.000 Euro | 1.879,17 Euro | 1.625,94 Euro | 253,22 Euro |
| 3,5 % | 10.500 Euro | 1.500 Euro | 1.879,17 Euro | 1.788,04 Euro | 91,12 Euro |
Berücksichtigt ist, dass versteuerte Vorabpauschalen die Anschaffungskosten erhöhen und der Gewinnanteil im Ausschütter-Depot dadurch etwas höher liegt (41,4 statt 40,7 Prozent bei 1,7 Prozent Quote).
Der Grund für den Vorteil ist mechanisch, nicht magisch: Die Ausschüttung wird auf den Basisertrag angerechnet, den du sowieso versteuern müsstest. Sie kostet dich also keine zusätzliche Bemessungsgrundlage, liefert aber Bargeld. Dieses Bargeld ersetzt einen Verkauf, der zusätzlich mit seinem Gewinnanteil besteuert worden wäre. Das Maximum liegt genau dort, wo die Ausschüttung den Basisertrag exakt trifft, also bei 2,24 Prozent Quote.
Oberhalb dieser Schwelle kippt die Logik. Jeder ausgeschüttete Euro über dem Basisertrag ist zu 100 Prozent Ertrag, während ein Verkauf nur mit seinem Gewinnanteil zählt. Zum Vergleich: 5.100 Euro Ausschüttung ergeben nach Teilfreistellung 3.570 Euro steuerpflichtigen Ertrag. Ein Verkauf über 5.100 Euro bei 40 Prozent Gewinnanteil ergibt nur 1.428 Euro. Denselben Effekt beschreiben wir ausführlicher unter Dividenden oder Entnahmeplan.
Wenn die Ausschüttung größer ist als dein Bedarf
Der eigentliche Nachteil eines hoch ausschüttenden Fonds zeigt sich, wenn du weniger Geld brauchst, als er auszahlt. Dann bekommst du Bargeld, das du versteuern musst, obwohl du es gar nicht wolltest. Gleiche Annahmen wie oben, aber der Bedarf sinkt auf 5.000 Euro im Jahr:
| Variante | unerwünschter Bargeldzufluss | Steuer im Jahr | gegenüber Thesaurierer |
|---|---|---|---|
| Thesaurierer | 0 Euro | 1.352,86 Euro | Referenz |
| Ausschütter 1,7 % | 100 Euro | 976,93 Euro | 375,93 Euro günstiger |
| Ausschütter 3,5 % | 5.500 Euro | 1.674,81 Euro | 321,95 Euro teurer |
Bei einer moderaten Quote passt die Ausschüttung meist noch in den Bedarf. Bei einem Hochdividenden-Produkt mit 3,5 Prozent bekommst du 5.500 Euro zu viel, zahlst darauf vollen Ertragsanteil und musst das Geld anschließend wieder anlegen. Das ist der klassische Fall, in dem ein Thesaurierer klar die bessere Wahl ist.
Das schwache Börsenjahr dreht das Ergebnis
Die Vorabpauschale ist auf die tatsächliche Wertsteigerung gedeckelt und nie negativ. Fällt dein Depot, ist sie null. Eine Ausschüttung fällt dagegen auch in einem Verlustjahr an und wird voll besteuert. Gleiche Ausgangslage, aber das Depot verliert 10 Prozent:
| Variante | Vorabpauschale | Ausschüttung | Steuer im Jahr | gegenüber Thesaurierer |
|---|---|---|---|---|
| Thesaurierer | 0,00 Euro | 0 Euro | 474,75 Euro | Referenz |
| Ausschütter 1,7 % | 0,00 Euro | 5.100 Euro | 1.086,12 Euro | 611,37 Euro teurer |
| Ausschütter 3,5 % | 0,00 Euro | 10.500 Euro | 1.759,65 Euro | 1.284,90 Euro teurer |
Genau in dem Jahr, in dem du dein Depot am wenigsten belasten willst, zwingt dich der Ausschütter zu einer Steuerzahlung. Das ist der stärkste Punkt für den Thesaurierer in der Entnahmephase, und er wiegt schwerer, als die reine Zahl aussieht: Schwache Jahre am Anfang des Ruhestands sind ohnehin der gefährlichste Fall, siehe Renditereihenfolge-Risiko.
Wie groß ist der Unterschied im ganzen Plan?
Nehmen wir die 374,91 Euro aus dem normalen Jahr als groben Dauereffekt. Auf 300.000 Euro Depot sind das rund 0,125 Prozentpunkte Rendite. Was das über 30 Jahre ausmacht:
| Kennzahl | 5,000 % Rendite | 4,875 % Rendite | Unterschied |
|---|---|---|---|
| Entnahme über 30 Jahre (heutige Kaufkraft) | 1.265,80 Euro/Monat | 1.245,76 Euro/Monat | 20,04 Euro/Monat |
| Reichweite bei 1.000 Euro/Monat | 45,9 Jahre | 43,9 Jahre | 2,0 Jahre |
300.000 Euro Startkapital, 2 Prozent Inflation, Entnahme inflationsangepasst. Zum Vergleich: Bei 1.000 Euro Entnahme im Monat über 30 Jahre liegt die Pleitewahrscheinlichkeit in der Monte-Carlo-Simulation mit 5 Prozent Erwartungswert und 15 Prozent Schwankung bei 45,5 Prozent. Die Fondsvariante ist gegenüber dieser Unsicherheit eine Nebenbaustelle.
20 Euro im Monat sind kein Nichts, aber sie sind deutlich weniger als das, was eine falsche Renditeannahme oder eine zu hohe Entnahmequote kostet. Wer wegen der Fondsvariante ein Depot mit hohen stillen Reserven umschichtet und dabei die Steuer auf den ganzen Gewinn auslöst, verliert um ein Vielfaches mehr, als er gewinnen kann.
Unter 63.776 Euro Depotwert ist die Frage egal
Der Basisertrag beträgt 2,24 Prozent des Depotwerts, nach 30 Prozent Teilfreistellung bleiben 1,568 Prozent steuerpflichtig. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro deckt das bis zu einem Depotwert von rund 63.776 Euro vollständig ab, bei Paaren mit 2.000 Euro bis rund 127.551 Euro. Weil Ausschüttung und Vorabpauschale zusammen dieselbe Bemessung ergeben, gilt diese Schwelle für beide Varianten gleich. Darunter zahlst du in beiden Fällen null Euro, und die Diskussion ist rein akademisch.
Liquidität für die Vorabpauschale bereithalten
Ein praktischer Punkt, der gern übersehen wird: Die Steuer auf die Vorabpauschale wird von deiner Bank vom Verrechnungskonto abgebucht. Ist dort kein Geld, verkauft sie Anteile oder bucht ins Soll. Was du je nach Depotwert bereithalten solltest, wenn der Sparerpauschbetrag noch frei ist:
| Depotwert zu Jahresbeginn | Basisertrag | Steuer nach 1.000 Euro Pauschbetrag |
|---|---|---|
| 100.000 Euro | 2.240 Euro | 149,81 Euro |
| 300.000 Euro | 6.720 Euro | 976,93 Euro |
| 500.000 Euro | 11.200 Euro | 1.804,05 Euro |
| 1.000.000 Euro | 22.400 Euro | 3.871,85 Euro |
Beim Ausschütter erledigt sich das teilweise von selbst, weil die Steuer direkt von der Ausschüttung einbehalten wird. Dafür brauchst du im Januar Liquidität, wenn die verbliebene Vorabpauschale abgerechnet wird.
Und die Ausschüttung als Rente?
Ein verbreiteter Plan lautet: einfach von den Ausschüttungen leben, das Kapital nie anfassen. Rechnerisch ist das eine sehr vorsichtige Entnahme, aber keine, die du gewählt hast. Bei 300.000 Euro Depot zahlt ein breiter Welt-ETF mit 1,7 Prozent Quote rund 425 Euro im Monat aus. Ein planmäßiger Entnahmeplan über 30 Jahre trägt bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation dagegen 1.265,80 Euro monatlich in heutiger Kaufkraft, und selbst reiner Kapitalerhalt erlaubt 735,29 Euro. Die Ausschüttungsquote ist eine Eigenschaft des Fonds, kein Entnahmeplan. Wer sie zur Planungsgröße macht, entnimmt zufällig zu wenig oder, bei Hochdividendenprodukten, zufällig zu viel.
Die Entscheidung in vier Sätzen
- Du hast schon einen Fonds mit hohen Kursgewinnen: behalten. Der Steuerschaden eines Wechsels übersteigt jeden Vorteil.
- Du baust das Entnahmedepot neu auf und brauchst regelmäßig Geld: Ein Ausschütter mit Quote nahe dem Basisertrag ist steuerlich leicht im Vorteil und spart Verkaufsaufträge.
- Du entnimmst wenig oder unregelmäßig: Thesaurierer, weil dich kein Bargeld erreicht, das du nicht brauchst.
- Du willst maximale Kontrolle über schwache Jahre: Thesaurierer, weil die Vorabpauschale im Verlustjahr auf null fällt und du selbst entscheidest, wann du verkaufst.
In allen Fällen gilt: Kosten, Entnahmequote und Renditeannahme entscheiden über deinen Ruhestand, die Fondsvariante justiert nur noch nach. Wie sich die Steuer insgesamt auf die Nettoentnahme auswirkt, steht im Artikel Entnahmeplan und Steuern.
Rechne deinen eigenen Fall
Anderes Kapital, andere Entnahme, anderer Gewinnanteil: Der Entnahmeplan-Rechner rechnet deine Entnahme inflationsangepasst, zeigt die Pleitewahrscheinlichkeit aus 3.000 simulierten Verläufen und schätzt die Steuer inklusive Vorabpauschale.
Häufige Fragen
Ausschüttend oder thesaurierend: Was ist im Entnahmeplan besser?
In der Entnahmephase ist der Unterschied klein, weil sich die Vorabpauschale um die Ausschüttung mindert. In einem normalen Jahr liegt der Ausschütter leicht vorn: Bei 300.000 Euro Depot, 12.000 Euro Jahresentnahme und 40 Prozent Gewinnanteil zahlt der Thesaurierer 1.879,17 Euro Steuer, der Ausschütter mit 1,7 Prozent Quote 1.504,25 Euro. In einem schwachen Börsenjahr dreht sich das Bild: Dort entfällt die Vorabpauschale ganz, die Ausschüttung nicht, und der Thesaurierer zahlt 611,37 Euro weniger.
Kann ich im Ruhestand einfach von den Ausschüttungen leben?
Meistens nicht. Ein breiter Welt-ETF mit 1,7 Prozent Ausschüttungsquote zahlt aus 300.000 Euro rund 425 Euro im Monat. Ein planmäßiger Entnahmeplan über 30 Jahre trägt bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation dagegen rund 1.266 Euro monatlich in heutiger Kaufkraft, und selbst reiner Kapitalerhalt erlaubt etwa 735 Euro.
Ab welchem Depotwert spielt die Vorabpauschale überhaupt eine Rolle?
Bei einem Basiszins von 3,20 Prozent beträgt der Basisertrag 2,24 Prozent des Depotwerts, nach Teilfreistellung bleiben 1,568 Prozent steuerpflichtig. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro ist ab rund 63.776 Euro Depotwert aufgebraucht, bei Paaren mit 2.000 Euro ab rund 127.551 Euro. Darunter kostet weder die Vorabpauschale noch eine gleich hohe Ausschüttung einen Cent Steuer.
Alle Rechnungen sind Näherungen: Sie unterstellen einen Kauf vor Jahresbeginn ohne Zwölftelung, einen konstanten Gewinnanteil im Depot, keine Kirchensteuer und den vollen Sparerpauschbetrag. Ausschüttungsquoten sind Annahmen und schwanken je nach Fonds und Jahr.