Kurzantwort: Für deinen Ruhestand zählt die Gesamtrendite, nicht die Quelle der Auszahlung. Bei gleicher Gesamtrendite tragen Dividendenstrategie und Entnahmeplan exakt dieselbe Entnahme. Steuerlich liegt der Anteilsverkauf sogar klar vorn: Auf 18.000 Euro Bruttoentnahme fallen bei 50 Prozent Gewinnanteil rund 1.398 Euro Steuer an, auf dieselbe Summe aus Dividenden einzelner Aktien dagegen rund 4.484 Euro. Die Dividendenstrategie hat trotzdem einen echten Vorteil, aber er ist psychologisch, nicht rechnerisch.
Der Kern: eine Dividende ist kein Zusatzertrag
Der häufigste Denkfehler lautet: "Ich lebe von den Dividenden und muss mein Kapital nie anfassen." Am Ausschüttungstag sinkt der Kurs aber um genau den ausgeschütteten Betrag. Aus 500.000 Euro Depot plus 17.500 Euro Dividende werden nicht 517.500 Euro, sondern 482.500 Euro Depot plus 17.500 Euro auf dem Konto. Wirtschaftlich passiert dasselbe wie beim Verkauf von Anteilen für 17.500 Euro: Ein Teil des Depots wandert aufs Girokonto.
Deshalb ist die richtige Vergleichsgröße die Gesamtrendite aus Kursentwicklung und Ausschüttung. Was sie über 30 Jahre bei 500.000 Euro Startkapital und 2 Prozent Inflation trägt, zeigt diese Tabelle. Die Entnahme steigt jedes Jahr mit der Inflation, die Kaufkraft bleibt also konstant:
| Gesamtrendite pro Jahr | Realzins | Entnahme pro Monat (heutige Kaufkraft) |
|---|---|---|
| 3 % | 0,98 % | 1.610 Euro |
| 4 % | 1,96 % | 1.850 Euro |
| 5 % | 2,94 % | 2.110 Euro |
| 6 % | 3,92 % | 2.387 Euro |
| 7 % | 4,90 % | 2.680 Euro |
500.000 Euro, 30 Jahre Laufzeit, 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern. In dieser Tabelle steht nirgends, woher die Rendite kommt: Genau das ist der Punkt.
Ein Dividendendepot ist also genau dann besser, wenn es mehr Gesamtrendite liefert. Kostet die Konzentration auf hohe Ausschüter einen Prozentpunkt Gesamtrendite, sind das bei 500.000 Euro über 30 Jahre rund 277 Euro weniger im Monat (6 Prozent gegen 5 Prozent). Diesen Rückstand holt keine Steueroptimierung wieder herein.
Steuer: hier gewinnt der Anteilsverkauf deutlich
Eine Ausschüttung ist zu 100 Prozent Ertrag und wird komplett besteuert. Beim Verkauf von Anteilen besteuert das Finanzamt dagegen nur den Gewinnanteil der verkauften Stücke: Wer Anteile für 18.000 Euro verkauft, die zur Hälfte aus eingezahltem Kapital bestehen, versteuert nur 9.000 Euro. Dazu kommt bei Aktienfonds und Aktien-ETF die Teilfreistellung von 30 Prozent, die es bei Dividenden einzelner Aktien nicht gibt.
| 18.000 Euro Bruttoentnahme im Jahr | Steuer | Effektiv auf die Entnahme | Netto pro Monat |
|---|---|---|---|
| Dividende aus Einzelaktien | 4.484 Euro | 24,91 % | 1.126 Euro |
| Ausschüttung Aktien-ETF (30 % Teilfreistellung) | 3.060 Euro | 17,00 % | 1.245 Euro |
| Anteilsverkauf, 70 % Gewinnanteil | 2.063 Euro | 11,46 % | 1.328 Euro |
| Anteilsverkauf, 50 % Gewinnanteil | 1.398 Euro | 7,77 % | 1.384 Euro |
| Anteilsverkauf, 30 % Gewinnanteil | 733 Euro | 4,07 % | 1.439 Euro |
Kapitalertragsteuer 25 Prozent plus Soli, zusammen 26,375 Prozent, ohne Kirchensteuer, Sparerpauschbetrag 1.000 Euro für eine Person. Beim Anteilsverkauf mit 30 Prozent Teilfreistellung. Details im Artikel zu Entnahmeplan und Steuern.
Der Abstand ist groß: Zwischen der Dividende aus Einzelaktien und dem Anteilsverkauf mit 50 Prozent Gewinnanteil liegen rund 3.086 Euro Steuer im Jahr, also gut 257 Euro netto im Monat. Der Grund ist kein Steuertrick, sondern schlichte Logik: Beim Verkauf holst du dir einen Teil deines eigenen eingezahlten Geldes zurück, und darauf zahlt niemand Steuern.
Bis zu welcher Entnahme bleibt alles steuerfrei?
Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr deckt umso mehr Entnahme ab, je kleiner der steuerpflichtige Anteil ist:
| Weg | Steuerfreie Entnahme pro Jahr (eine Person) | Ehepaar mit gemeinsamem Freistellungsauftrag |
|---|---|---|
| Dividende aus Einzelaktien | 1.000 Euro | 2.000 Euro |
| Ausschüttung Aktien-ETF | 1.429 Euro | 2.857 Euro |
| Anteilsverkauf, 50 % Gewinnanteil | 2.857 Euro | 5.714 Euro |
| Anteilsverkauf, 30 % Gewinnanteil | 4.762 Euro | 9.524 Euro |
Sparerpauschbetrag 1.000 Euro je Person, Teilfreistellung 30 Prozent bei Aktienfonds. Ein wichtiger Nebeneffekt der Dividendenstrategie: Die Ausschüttungen kommen automatisch, auch wenn du das Geld gar nicht brauchst, und verbrauchen den Pauschbetrag. Beim Anteilsverkauf steuerst du selbst, wann und wie viel realisiert wird.
Kapitalbedarf für 1.500 Euro netto im Monat
Hier wird der Unterschied am deutlichsten sichtbar, aber Vorsicht bei der Deutung:
| Strategie | Nötige Bruttoentnahme pro Jahr | Nötiges Kapital | Was mit dem Kapital passiert |
|---|---|---|---|
| Nur Dividenden, Einzelaktien (3,5 % Dividendenrendite) | 24.090 Euro | rund 688.000 Euro | bleibt erhalten |
| Nur Ausschüttungen, Aktien-ETF (3,5 %) | 21.752 Euro | rund 621.000 Euro | bleibt erhalten |
| Entnahmeplan, Anteilsverkauf über 30 Jahre | 19.540 Euro | rund 341.000 Euro | ist nach 30 Jahren aufgebraucht |
Ziel jeweils 18.000 Euro netto pro Jahr, Gewinnanteil beim Verkauf 50 Prozent, Entnahmeplan mit 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation über 30 Jahre. Vor Kosten.
Der große Kapitalunterschied kommt nicht aus der Steuer, sondern aus dem Kapitalverzehr: Die Dividendenvariante lässt das Depot unangetastet und vererbt es, die Verkaufsvariante verbraucht es planmäßig. Beides ist legitim, es sind einfach verschiedene Ziele. Wer das Kapital erhalten will, kann das auch mit einem Welt-ETF tun und nur den realen Ertrag entnehmen: Bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation sind das rund 1.634 Euro im Monat, dauerhaft und in heutiger Kaufkraft. Mehr dazu im Vergleich Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt.
Senken Dividenden das Risiko?
Das Argument lautet: Wer von Ausschüttungen lebt, muss im Crash keine Anteile zu Tiefstkursen verkaufen. Das mildert das Renditereihenfolge-Risiko. Nur schneiden Unternehmen ihre Dividenden in tiefen Krisen ebenfalls, und in der Simulation entscheidet am Ende die erwartete Gesamtrendite. Dieselbe Entnahme von 17.500 Euro pro Jahr in heutiger Kaufkraft, 500.000 Euro Startkapital, 30 Jahre:
| Erwartete Gesamtrendite | Pleitewahrscheinlichkeit | Restkapital im Median nach 30 Jahren |
|---|---|---|
| 4 % | 47,4 % | 35.351 Euro |
| 5 % | 35,7 % | 228.070 Euro |
| 6 % | 24,0 % | 540.880 Euro |
| 7 % | 15,3 % | 943.681 Euro |
Monte-Carlo mit 3.000 Verläufen, Seed 42, Schwankung 15 Prozent pro Jahr, 2 Prozent Inflation, Restkapital nominal. Wie diese Zahlen zu lesen sind, erklärt der Artikel zur Monte-Carlo-Simulation.
Ein Prozentpunkt weniger Gesamtrendite erhöht das Scheiterrisiko um rund 9 bis 12 Prozentpunkte. Wer für eine höhere Ausschüttungsquote Gesamtrendite opfert, kauft sich also mehr Risiko, nicht weniger.
Was trotzdem für Dividenden spricht
Der Vorteil der Dividendenstrategie ist real, steht aber in keiner Formel: Geld kommt automatisch aufs Konto, ohne dass du im schlechtesten Moment eine Verkaufsentscheidung treffen musst. Wer sonst in Panik das ganze Depot auflösen würde, fährt mit Ausschüttungen besser, auch wenn die Tabelle etwas anderes sagt. Zwei Dinge sollten aber klar sein: Ein Depot aus wenigen Dividendenwerten ist deutlich schlechter gestreut als ein Welt-ETF, und die Ausschüttungen kommen unabhängig von deinem Bedarf, was den Sparerpauschbetrag verbraucht und Geld unverzinst liegen lässt.
Ein pragmatischer Mittelweg: ein breiter ausschüttender Welt-ETF als Basis. Die laufende Ausschüttung deckt einen Teil der Entnahme automatisch ab, den Rest holst du planmäßig über Anteilsverkäufe, wie im Artikel zum ETF-Entnahmeplan beschrieben.
Rechne deinen eigenen Fall
Depotgröße, erwartete Rendite, Laufzeit und Gewinnanteil unterscheiden sich bei jedem. Der Entnahmeplan-Rechner rechnet deinen Fall in Sekunden, inklusive Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Verlauf und Steuer auf die Entnahme.
Häufige Fragen
Ist eine Dividendenstrategie im Ruhestand besser als ein Entnahmeplan?
Rechnerisch nicht. Es zählt die Gesamtrendite aus Kursgewinn und Ausschüttung, nicht die Quelle der Auszahlung. Bei gleicher Gesamtrendite tragen beide Wege dieselbe Entnahme. Steuerlich ist der Anteilsverkauf im Vorteil: Auf 18.000 Euro Bruttoentnahme fallen bei 50 Prozent Gewinnanteil rund 1.398 Euro Steuer an, bei Dividenden aus Einzelaktien rund 4.484 Euro.
Wie viel Kapital brauche ich für 1.500 Euro netto im Monat?
Wer nur von Dividenden leben und das Kapital erhalten will, braucht bei 3,5 Prozent Dividendenrendite rund 688.000 Euro mit Einzelaktien oder rund 621.000 Euro mit einem ausschüttenden Aktien-ETF. Wer das Kapital über 30 Jahre planmäßig verbraucht, kommt bei 6 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation mit rund 341.000 Euro aus. Der Unterschied liegt am Kapitalverzehr, nicht an der Steuer.
Senken Dividenden das Risiko im Ruhestand?
Nur indirekt. In der Simulation mit 500.000 Euro, 17.500 Euro realer Jahresentnahme und 30 Jahren hängt die Pleitewahrscheinlichkeit an der Gesamtrendite: 24,0 Prozent bei 6 Prozent, 35,7 Prozent bei 5 Prozent, 47,4 Prozent bei 4 Prozent. Dividenden helfen also nur, wenn sie keine Gesamtrendite kosten. Dass du in Krisen nicht verkaufen musst, ist ein echter psychologischer Vorteil, taucht aber in keiner Formel auf.