Kurzantwort: Der steigende Gleitpfad wirkt genau dort, wo ein Entnahmeplan tatsächlich scheitert, nämlich nach einem schwachen Börsenstart. Läuft das erste Jahrzehnt schlecht (unteres Zehntel der Verläufe), scheitert der Rest des Plans mit einem Gleitpfad von 30 auf 65 Prozent Aktien in 59,7 Prozent der Fälle, mit fester Quote von 50 Prozent in 82,7 Prozent und mit fester Quote von 65 Prozent in 81,8 Prozent. Der Preis dafür ist der Normalfall: Startet die zweite Phase vom mittleren Kapital aus, liegt das Pleiterisiko beim Gleitpfad bei 25,5 statt 16,9 Prozent. Ein Gleitpfad ist damit eine Versicherung gegen den schlechten Start, kein Renditetrick.
Was ein Gleitpfad überhaupt ist
Die klassische Faustregel sagt: Je älter, desto weniger Aktien. In der Ruhestandsforschung wird seit einigen Jahren das Gegenteil diskutiert, der sogenannte steigende Gleitpfad (englisch rising equity glidepath). Die Idee ist einfach: Das Renditereihenfolge-Risiko ist zu Rentenbeginn am größten, weil das Depot dann seinen höchsten Stand hat. Ein Einbruch trifft dort den vollen Betrag, und jede Entnahme verkauft anschließend Anteile zu gedrückten Kursen. Später ist das Kapital kleiner, der Planungshorizont kürzer, und ein Einbruch tut in absoluten Zahlen weniger weh.
Wer diese Logik ernst nimmt, dreht die Faustregel um: defensiv starten, dann Schritt für Schritt mehr Aktien. Ob das die Rechnung wirklich verbessert, klären wir hier mit Zahlen statt mit Meinungen.
Die Annahmen der Rechnung
Grundfall in allen Tabellen: 500.000 Euro Startkapital, 17.500 Euro Entnahme pro Jahr in heutiger Kaufkraft (3,5 Prozent, rund 1.458 Euro im Monat), Planung über 35 Jahre, 2 Prozent Inflation. Das Depot mischt einen Aktienteil (7 Prozent erwartete Rendite, 18 Prozent Schwankung) mit einem sicheren Teil (2,5 Prozent Rendite, 3 Prozent Schwankung). Daraus ergibt sich je Quote:
| Aktienquote | Erwartete Rendite | Schwankung | Realzins bei 2 % Inflation |
|---|---|---|---|
| 30 % | 3,85 % | 5,79 % | 1,81 % |
| 50 % | 4,75 % | 9,12 % | 2,70 % |
| 65 % | 5,43 % | 11,75 % | 3,36 % |
Alles vor Steuern und Kosten. Monte-Carlo jeweils mit 3.000 Verläufen und festem Startwert (Seed 42), normalverteilte Jahresrenditen, Entnahme jährlich um 2 Prozent erhöht.
Der Ausgangspunkt: feste Quoten über 35 Jahre
Zuerst die Vergleichsbasis ohne jeden Gleitpfad, durchgehend simuliert über die vollen 35 Jahre:
| Feste Aktienquote | Pleitewahrscheinlichkeit | Restkapital Median (real) | Restkapital oberes Zehntel (real) |
|---|---|---|---|
| 30 % | 36,1 % | 54.893 Euro | 333.223 Euro |
| 40 % | 30,7 % | 107.523 Euro | 517.139 Euro |
| 50 % | 28,0 % | 156.434 Euro | 797.733 Euro |
| 65 % | 29,0 % | 224.602 Euro | 1.315.685 Euro |
| 80 % | 30,3 % | 289.635 Euro | 1.959.320 Euro |
| 100 % | 31,9 % | 325.352 Euro | 3.066.060 Euro |
Restkapital nach 35 Jahren, in heutige Kaufkraft umgerechnet.
Zwischen 40 und 80 Prozent Aktien ist das Risiko fast identisch, es bewegt sich nur zwischen 28,0 und 30,7 Prozent. Diese Flachheit ist wichtig für die Bewertung des Gleitpfads: Wer sich innerhalb dieses Korridors bewegt, verändert das Endergebnis kaum. Mehr dazu im Artikel zur Aktienquote im Ruhestand.
Warum das erste Jahrzehnt über alles entscheidet
Bevor wir Gleitpfade simulieren, hier der Grund, warum die ersten Jahre eine Sonderrolle spielen. Diese Tabelle rechnet ganz ohne Zufall: Was passiert, wenn die ersten zehn Jahre eine bestimmte Rendite liefern, und wie viel Entnahme trägt das verbliebene Kapital danach noch über 25 weitere Jahre (bei 5,43 Prozent Rendite)?
| Rendite in den ersten 10 Jahren | Kapital nach 10 Jahren (real) | Tragbare Entnahme für 25 weitere Jahre |
|---|---|---|
| 0 % | 249.835 Euro | 1.244 Euro/Monat |
| 2 % | 325.000 Euro | 1.619 Euro/Monat |
| 5,43 % | 492.000 Euro | 2.451 Euro/Monat |
| 8 % | 656.142 Euro | 3.268 Euro/Monat |
Entnahme in allen Zeilen 1.458 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft, jährlich um 2 Prozent erhöht. Alle Beträge in heutiger Kaufkraft.
Ein Jahrzehnt mit null Rendite kostet den Plan mehr als 200 Euro monatlichen Spielraum für den ganzen Rest des Ruhestands. Genau dieses Loch soll ein defensiver Start verhindern.
Der Gleitpfad in der Zwei-Stufen-Rechnung
Wir teilen den Plan in zwei Phasen: Jahre 1 bis 10 und Jahre 11 bis 35. Phase 1 wird simuliert, danach startet Phase 2 einmal vom mittleren Kapital (Median) und einmal vom Kapital des unteren Zehntels, also nach einem deutlich schlechten Jahrzehnt. Alle vier Strategien werden exakt gleich behandelt.
| Strategie | Kapital nach 10 Jahren, unteres Zehntel | Kapital nach 10 Jahren, Median | Pleiterisiko Phase 2 ab Median | Pleiterisiko Phase 2 ab unterem Zehntel |
|---|---|---|---|---|
| Gleitpfad 30 auf 65 % | 295.851 Euro | 399.099 Euro | 25,5 % | 59,7 % |
| Fest 50 % | 269.070 Euro | 431.399 Euro | 16,9 % | 82,7 % |
| Fest 65 % | 245.673 Euro | 451.090 Euro | 16,6 % | 81,8 % |
| Fallend 65 auf 30 % | 245.673 Euro | 451.090 Euro | 8,5 % | 99,4 % |
Kapitalwerte in heutiger Kaufkraft. Phase 2 umfasst 25 Jahre mit der jeweils zweiten Quote, die Entnahme läuft nominal weiter wie geplant. Fest 65 und der fallende Pfad starten mit derselben Quote und haben deshalb dieselbe Phase 1.
Drei Dinge lassen sich daraus ablesen:
- Der defensive Start rettet Substanz. Nach zehn schlechten Jahren stehen beim Gleitpfad noch 295.851 Euro, bei fester Quote von 65 Prozent nur 245.673 Euro. Das sind gut 50.000 Euro Unterschied, und sie entscheiden über den Rest des Plans.
- Der Vorteil zeigt sich nur im schlechten Ast. 59,7 gegen 82,7 Prozent ist ein großer Abstand. Im Median dreht sich das Vorzeichen: Dort liegt der Gleitpfad mit 25,5 Prozent hinter beiden festen Quoten.
- Der fallende Pfad ist die riskanteste Variante. Er sieht ab dem Median mit 8,5 Prozent am besten aus, scheitert nach einem schlechten Start aber in 99,4 Prozent der Verläufe. Wer die Quote nach unten fährt, verliert die Fähigkeit, ein Loch wieder aufzuholen.
Das Muster hängt nicht am Zufallsstartwert. Mit Seed 7 und Seed 123 gerechnet liegt das Pleiterisiko nach schlechtem Start beim Gleitpfad bei 62,6 und 60,4 Prozent, bei fester Quote von 50 Prozent bei 84,9 und 83,7 Prozent.
Was diese Rechnung nicht kann
Die Zwei-Stufen-Rechnung koppelt die beiden Phasen über einen einzelnen Kapitalwert. Sie ersetzt keine durchgehende Simulation mit jährlich wechselnder Quote und liefert deshalb auch keine einzelne Pleitewahrscheinlichkeit für den Gleitpfad über alle 35 Jahre. Was sie zeigt, ist die Richtung und die Größenordnung: wo der Gleitpfad hilft, wo er kostet und wie groß der Unterschied ungefähr ausfällt. Dazu kommen die üblichen Grenzen des Modells: normalverteilte Jahresrenditen ohne Crash-Häufungen, keine Steuern, keine Kosten, keine Panikverkäufe.
Der größere Hebel bleibt die Entnahmehöhe
Bevor jemand sein Depot nach Gleitpfad-Plan umbaut, lohnt der Blick auf die simpelste Stellschraube. Gleiche 500.000 Euro, feste Quote von 50 Prozent, 35 Jahre:
| Entnahme pro Jahr (real) | Entnahmerate | Pleitewahrscheinlichkeit |
|---|---|---|
| 15.000 Euro | 3,0 % | 13,9 % |
| 16.000 Euro | 3,2 % | 19,6 % |
| 17.500 Euro | 3,5 % | 28,0 % |
| 19.000 Euro | 3,8 % | 39,7 % |
Von 3,5 auf 3,0 Prozent Entnahmerate zu gehen halbiert das Risiko fast, ganz ohne Umschichtung. Das ist mehr, als jeder Gleitpfad in diesem Modell schafft. Warum eine niedrigere Rate für Deutschland oft die ehrlichere Planung ist, steht im Artikel zur 3-Prozent-Regel.
Praktische Einordnung
Ein Gleitpfad ist kein Muss, aber ein sinnvolles Werkzeug für jemanden, der genau in der heikelsten Phase steht: unmittelbar am Rentenbeginn, mit hohem Kapital und langem Horizont. Drei praktische Punkte:
- Der Effekt entsteht am unteren Rand der Verteilung, nicht im Durchschnitt. Wer den Gleitpfad wählt, kauft Absicherung und bezahlt sie mit erwartetem Endvermögen.
- Die Umschichtung muss vorher festgelegt sein, sonst wird daraus Markt-Timing. Feste Stufen, zum Beispiel alle zwei Jahre fünf Prozentpunkte mehr Aktien, sind leichter durchzuhalten als eine Bauchentscheidung im Crash.
- Ein Cash-Puffer verfolgt dasselbe Ziel und lässt sich mit dem Gleitpfad kombinieren. Beide schützen die ersten Jahre, beide kosten Rendite.
Und die unbequeme Erkenntnis aus der letzten Tabelle bleibt: Ein halber Prozentpunkt weniger Entnahme wirkt stärker als jede Umschichtung. Der Gleitpfad ist die Feinjustierung, die Entnahmehöhe ist der Hauptschalter.
Rechne deinen eigenen Fall
Andere Quote, anderes Kapital, andere Dauer: Der Entnahmeplan-Rechner simuliert deinen Fall mit 3.000 Verläufen und zeigt Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Perzentile und auf Wunsch die Steuer auf ETF-Entnahmen. Einen Gleitpfad rechnest du als zwei Phasen nacheinander, genau wie in der Tabelle oben.
Häufige Fragen
Was ist ein Gleitpfad bei der Aktienquote im Ruhestand?
Ein Gleitpfad ist eine Aktienquote, die sich im Ruhestand planmäßig verändert. Der steigende Gleitpfad startet bewusst defensiv, zum Beispiel mit 30 Prozent Aktien, und erhöht die Quote über die ersten Jahre auf 65 oder 70 Prozent. Der Gedanke dahinter: Das Renditereihenfolge-Risiko ist am Anfang am größten, weil das Kapital dann noch am höchsten ist und ein Einbruch auf den vollen Betrag wirkt.
Bringt ein steigender Aktienanteil im Ruhestand wirklich etwas?
In unserer Zwei-Stufen-Rechnung ja, aber nur im schlechten Fall. Nach einem schwachen ersten Jahrzehnt (unteres Zehntel der Verläufe) scheitert der weitere Plan mit dem Gleitpfad von 30 auf 65 Prozent in 59,7 Prozent der Verläufe, bei fester Quote von 50 Prozent in 82,7 Prozent und bei fester Quote von 65 Prozent in 81,8 Prozent. Läuft die Börse dagegen normal, kostet der defensive Start Rendite: Ab dem Median-Kapital liegt das Risiko beim Gleitpfad bei 25,5 Prozent statt 16,9 Prozent.
Sollte die Aktienquote im Ruhestand nicht eher sinken?
Der fallende Pfad ist eine Wette auf einen guten Start. In der Rechnung mit 500.000 Euro und 3,5 Prozent Entnahme schneidet ein Pfad von 65 auf 30 Prozent nach einem guten ersten Jahrzehnt am besten ab (8,5 Prozent Pleiterisiko), nach einem schlechten ersten Jahrzehnt aber am schlechtesten: Dort scheitern 99,4 Prozent der Verläufe. Wer das Risiko begrenzen will, sollte die Quote also eher halten oder erhöhen als senken.