Ratgeber Entnahmeplan

Bis zu welchem Alter sollte ich meinen Entnahmeplan rechnen?

Die Planungsdauer ist die unauffälligste Stellschraube im Entnahmeplan und zugleich die, bei der man sich am teuersten irrt. Hier steht, was zusätzliche Planjahre kosten und was zu kurze Planung kostet.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Rechne nicht bis zur durchschnittlichen Lebenserwartung, sondern deutlich darüber, beim Start mit 65 also eher bis 95 als bis 85. Der Aufpreis ist klein: Bei 500.000 Euro, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation trägt ein 25-Jahres-Plan 2.377 Euro im Monat, ein 30-Jahres-Plan 2.110 Euro und ein 35-Jahres-Plan 1.923 Euro, jeweils in heutiger Kaufkraft. Fünf Planjahre mehr kosten also gut 11 beziehungsweise knapp 9 Prozent der Monatsentnahme. Fünf Lebensjahre ohne Geld kosten dagegen alles.

Warum die durchschnittliche Lebenserwartung der falsche Maßstab ist

Ein Durchschnitt ist eine Mitte, kein Enddatum. Ein erheblicher Teil aller Menschen lebt deutlich länger als der Durchschnitt der eigenen Jahrgangsgruppe, und wer bereits mit 65 gesund in den Ruhestand geht, gehört statistisch ohnehin nicht zum Durchschnitt aller Neugeborenen. Genau darin liegt das Langlebigkeitsrisiko: Der Entnahmeplan geht nicht dann schief, wenn du stirbst wie geplant, sondern wenn du länger lebst als geplant.

Anders als das Renditerisiko lässt sich das Langlebigkeitsrisiko nicht diversifizieren. Es gibt nur zwei Antworten darauf: mehr Planjahre einkalkulieren oder einen Teil des Kapitals in eine lebenslange Zahlung überführen. Dieser Artikel behandelt die erste Antwort, weil sie im Rechner direkt abbildbar ist.

Was zusätzliche Planjahre kosten

Die folgende Tabelle zeigt, wie viel du bei 500.000 Euro Startkapital monatlich entnehmen kannst, wenn das Geld exakt für die geplante Dauer reichen soll. Die Entnahme ist inflationsangepasst gerechnet, steigt also jedes Jahr mit 2 Prozent, damit die Kaufkraft konstant bleibt.

Planungsdauer3 % Rendite5 % Rendite6 % RenditeÄnderung bei 5 %
20 Jahre (bis 85)2.304 Euro2.785 Euro3.045 EuroBasiswert
25 Jahre (bis 90)1.887 Euro2.377 Euro2.645 Euro14,7 % weniger
30 Jahre (bis 95)1.610 Euro2.110 Euro2.387 Euro11,3 % weniger
35 Jahre (bis 100)1.412 Euro1.923 Euro2.209 Euro8,9 % weniger
40 Jahre (bis 105)1.264 Euro1.785 Euro2.081 Euro7,1 % weniger

Annahmen: 500.000 Euro Startkapital, 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern, Altersangaben bezogen auf einen Start mit 65. Gerechnet über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1.

Der Effekt ist wichtiger als die einzelnen Zahlen: Zusätzliche Planjahre werden immer billiger, je länger der Horizont schon ist. Die ersten Jahre kosten viel, weil sich der Betrag auf wenige Jahre verteilt. Ab etwa 30 Jahren nähert sich die Entnahme dem realen Ertrag des Kapitals an, und weitere Jahre ändern kaum noch etwas. Bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation liegt die Untergrenze bei 1.225 Euro im Monat: Das ist der reine Realertrag, der das Kapital dauerhaft und ohne Enddatum trägt. Mehr dazu im Artikel Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt.

Was zu kurze Planung kostet

Jetzt die Gegenrechnung. Die Entnahmehöhe wird jeweils für die geplante Dauer festgelegt, dann lebt der Haushalt aber länger. Die Werte stammen aus der Monte-Carlo-Simulation des Rechners mit 5 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung, 2 Prozent Inflation und 3.000 Verläufen. Angegeben ist der Anteil der Verläufe, in denen das Geld vor dem Ende der tatsächlichen Dauer ausgeht.

Geplant mitEntnahmeReicht 25 JahreReicht 30 JahreReicht 35 JahreReicht 40 Jahre
20 Jahre2.785 Euro78 % Pleiterisiko86 %90 %92 %
25 Jahre2.377 Euro65 %76 %83 %86 %
30 Jahre2.110 Euro54 %66 %74 %80 %
35 Jahre1.923 Euro45 %59 %67 %73 %
40 Jahre1.785 Euro38 %52 %61 %69 %

Monte-Carlo, 3.000 Verläufe, Seed 42, normalverteilte Jahresrenditen mit Erwartungswert 5 Prozent und Volatilität 15 Prozent, Entnahme inflationsangepasst.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Die Zeile lesen ist unangenehmer als die Spalte. Wer mit 25 Jahren plant und 30 Jahre braucht, springt von 65 auf 76 Prozent Risiko. Zweitens, und das ist die eigentliche Botschaft: Schon auf der Diagonale, also wenn Planung und Wirklichkeit übereinstimmen, liegt das Risiko bei rund 54 bis 69 Prozent. Das ist kein Fehler der Simulation, sondern die Folge der Durchschnittsrechnung. Die Annuität rechnet mit der erwarteten Rendite in jedem einzelnen Jahr. Da echte Renditen schwanken und die Reihenfolge zählt, ist eine so bemessene Entnahme ungefähr ein Münzwurf. Warum das so ist, erklärt der Artikel zum Renditereihenfolge-Risiko.

Die ehrliche Version: Entnahme nach Risiko statt nach Dauer

Wer Sicherheit will, muss die Frage umdrehen: Nicht "wie viel geht bei 30 Jahren?", sondern "wie viel geht bei 30 Jahren, wenn höchstens 10 von 100 Verläufen scheitern dürfen?". Dieselben 500.000 Euro, dieselben Annahmen, aber die Entnahme so gesucht, dass das Pleiterisiko unter der Schwelle bleibt:

PlanungsdauerHöchstens 10 % PleiterisikoEntnahmerateHöchstens 20 % PleiterisikoEntnahmerate
20 Jahre1.455 Euro/Monat3,49 %1.758 Euro/Monat4,22 %
25 Jahre1.146 Euro/Monat2,75 %1.390 Euro/Monat3,34 %
30 Jahre944 Euro/Monat2,27 %1.172 Euro/Monat2,81 %
35 Jahre795 Euro/Monat1,91 %1.016 Euro/Monat2,44 %
40 Jahre712 Euro/Monat1,71 %919 Euro/Monat2,21 %

Entnahmerate = jährliche Anfangsentnahme bezogen auf 500.000 Euro Startkapital. Monte-Carlo wie oben, Erwartungswert 5 Prozent, Volatilität 15 Prozent.

Diese Raten liegen spürbar unter der bekannten 4-Prozent-Regel, und das hat zwei Gründe: Hier ist die Inflationsanpassung schon eingerechnet, und die erwartete Rendite ist mit 5 Prozent vorsichtig angesetzt. Mit 6 Prozent Erwartungswert bei gleicher Schwankung sind es über 30 Jahre 1.106 Euro im Monat (2,65 Prozent) statt 944 Euro. Wer die Schwankung senkt statt die Rendite anzuheben, gewinnt ähnlich viel: Bei 5 Prozent Rendite und nur 10 Prozent Volatilität trägt derselbe 30-Jahres-Plan 1.306 Euro (3,13 Prozent). Welche Aktienquote dafür realistisch ist, steht im Artikel zur Aktienquote im Ruhestand.

Auch hier gilt der Trostpreis: Von 30 auf 35 Planjahre kostet in der risikoadjustierten Rechnung 15,8 Prozent, von 35 auf 40 nur noch 10,4 Prozent. Der Puffer wird mit jedem Jahr günstiger.

Puffer statt Punktschätzung

Ein einzelnes Enddatum ist immer falsch, die Frage ist nur in welche Richtung. Praktikabler ist eine Kombination aus drei Bausteinen:

Und eine Warnung zur Renditeannahme, weil sie im gleichen Atemzug wichtig ist: Ein zu langer Horizont schützt nicht vor einer zu optimistischen Rendite. Die auf 30 Jahre bemessenen 2.110 Euro reichen bei nur 3 Prozent statt 5 Prozent Rendite gerade einmal 22,1 Jahre. Beide Stellschrauben müssen vorsichtig sein, nicht nur eine.

Rechne deinen eigenen Horizont

Anderes Kapital, andere Rendite, anderer Rentenstart: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir für jede Planungsdauer die tragbare Entnahme, die Pleitewahrscheinlichkeit und den Restkapital-Verlauf. Stelle die Dauer einmal auf deinen Wunschwert und einmal fünf Jahre höher, dann siehst du deinen persönlichen Preis für den Puffer.

Häufige Fragen

Bis zu welchem Alter sollte ich meinen Entnahmeplan rechnen?

Nicht bis zur durchschnittlichen Lebenserwartung, sondern deutlich darüber. Beim Start mit 65 sind rund 30 Jahre, also bis etwa 95, ein sinnvoller Ausgangspunkt. Bei 500.000 Euro, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation kostet der Sprung von 25 auf 30 Planjahre nur 11,3 Prozent der Monatsentnahme (2.110 statt 2.377 Euro), von 30 auf 35 Planjahre sogar nur noch 8,9 Prozent.

Was kosten fünf zusätzliche Planjahre im Entnahmeplan?

Immer weniger, je länger der Horizont schon ist. Bei 500.000 Euro, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation sinkt die tragbare Monatsentnahme von 20 auf 25 Jahre um 14,7 Prozent, von 25 auf 30 Jahre um 11,3 Prozent, von 30 auf 35 Jahre um 8,9 Prozent und von 35 auf 40 Jahre nur noch um 7,1 Prozent.

Was passiert, wenn ich länger lebe als geplant?

Dann ist das Depot leer und es bleibt nur die gesetzliche Rente. In der Monte-Carlo-Simulation mit 5 Prozent erwarteter Rendite und 15 Prozent Schwankung scheitert eine auf 25 Jahre bemessene Entnahme in 76 von 100 Verläufen, wenn das Geld tatsächlich 30 Jahre reichen muss. Mit einem 35-Jahres-Plan sind es im selben Fall 59 Prozent. Wirklich sicher wird es erst mit einer deutlich niedrigeren Entnahmerate oder mit der Bereitschaft, in schlechten Jahren zu kürzen.