Kurzantwort: Bei 500.000 Euro Kapital, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation verlängert eine dauerhafte Kürzung der Entnahme um 10 Prozent (von 2.000 auf 1.800 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft) die Reichweite von 32,7 auf 39,4 Jahre. Das sind 6,7 gewonnene Jahre für 200 Euro weniger im Monat. Bei nur 3 Prozent Rendite bringt dieselbe Kürzung 3,0 Jahre, bei 6 Prozent Rendite 17,9 Jahre. Der Hebel ist also nicht konstant: Er wächst, je näher die Entnahme am realen Ertrag des Depots liegt.
Kürzung um 5, 10 und 20 Prozent im Vergleich
Ausgangsfall: 500.000 Euro Depot, Start mit 2.000 Euro im Monat (das sind 4,8 Prozent Entnahmerate), die Entnahme steigt jährlich mit 2 Prozent Inflation, damit die Kaufkraft konstant bleibt.
| Entnahme pro Monat | 3 % Rendite | 4 % Rendite | 5 % Rendite | 6 % Rendite |
|---|---|---|---|---|
| 2.000 Euro (Ausgangsfall) | 23,4 Jahre | 27,0 Jahre | 32,7 Jahre | 44,1 Jahre |
| 1.900 Euro (minus 5 %) | 24,8 Jahre | 28,9 Jahre | 35,7 Jahre | 51,1 Jahre |
| 1.800 Euro (minus 10 %) | 26,4 Jahre | 31,2 Jahre | 39,4 Jahre | 62,0 Jahre |
| 1.600 Euro (minus 20 %) | 30,2 Jahre | 36,8 Jahre | 50,1 Jahre | dauerhaft |
Annahme: 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern und Kosten. Gerechnet über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1. "Dauerhaft" heißt: Die Entnahme liegt unter dem realen Ertrag, das Kapital wird rechnerisch nie aufgebraucht.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens ist der Effekt überproportional: Die zweiten fünf Prozentpunkte Kürzung bringen mehr Jahre als die ersten. Zweitens hängt alles an der Rendite. Bei 3 Prozent nominal bleibt nach 2 Prozent Inflation kaum realer Ertrag übrig, das Kapital wird fast linear verzehrt, und dann verlängert eine Kürzung um 10 Prozent die Reichweite auch nur um grob 10 Prozent. Bei 6 Prozent Rendite dagegen kippt der Plan vom Verzehr Richtung Kapitalerhalt, und die Reichweite schießt nach oben.
Der Hebel hängt an deiner Entnahmerate
Die entscheidende Größe ist der Abstand zwischen deiner Entnahmerate und dem realen Ertrag. Bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation beträgt der Realzins rund 2,94 Prozent. Alles, was du darüber entnimmst, frisst Substanz. Die folgende Tabelle zeigt, was eine Kürzung um 10 Prozent bei 500.000 Euro und 5 Prozent Rendite je nach Startpunkt bringt:
| Startentnahme | Entnahmerate | Reichweite vorher | Reichweite nach minus 10 % | Gewinn |
|---|---|---|---|---|
| 1.250 Euro/Monat | 3,0 % | 135,6 Jahre | dauerhaft | unbegrenzt |
| 1.458 Euro/Monat | 3,5 % | 63,3 Jahre | 93,6 Jahre | 30,3 Jahre |
| 1.667 Euro/Monat | 4,0 % | 45,9 Jahre | 58,6 Jahre | 12,7 Jahre |
| 2.083 Euro/Monat | 5,0 % | 30,6 Jahre | 36,6 Jahre | 6,0 Jahre |
| 2.500 Euro/Monat | 6,0 % | 23,2 Jahre | 27,1 Jahre | 3,9 Jahre |
| 2.917 Euro/Monat | 7,0 % | 18,8 Jahre | 21,7 Jahre | 2,9 Jahre |
500.000 Euro, 5 Prozent Rendite, 2 Prozent Inflation, Entnahme inflationsangepasst, vor Steuern.
Wer ohnehin aggressiv entnimmt, kauft sich mit 10 Prozent Verzicht knapp drei Jahre. Wer nahe an der Grenze zum Kapitalerhalt liegt, kauft sich damit Jahrzehnte oder gleich die dauerhafte Entnahme. Merksatz: Eine Kürzung wirkt umso stärker, je weniger Substanz du ohnehin verzehrst. Wie viel dauerhaft drin ist, zeigt der Vergleich von Kapitalverzehr und Kapitalerhalt.
Was kostet umgekehrt eine Erhöhung um 10 Prozent?
Die Rechnung gilt in beide Richtungen, der Verlust fällt aber kleiner aus als der Gewinn einer Kürzung. Bei 500.000 Euro und 5 Prozent Rendite:
| Startentnahmerate | Reichweite vorher | Reichweite nach plus 10 % | Verlust |
|---|---|---|---|
| 4,0 % (1.667 Euro/Monat) | 45,9 Jahre | 38,1 Jahre | 7,8 Jahre |
| 5,0 % (2.083 Euro/Monat) | 30,6 Jahre | 26,4 Jahre | 4,2 Jahre |
| 6,0 % (2.500 Euro/Monat) | 23,2 Jahre | 20,4 Jahre | 2,9 Jahre |
Was die Kürzung fürs Risiko bringt
Die Tabellen oben unterstellen jedes Jahr exakt dieselbe Rendite. Ein echtes Depot schwankt, und dann zählt nicht die Reichweite im Durchschnitt, sondern die Wahrscheinlichkeit, vorher pleite zu sein. In der Monte-Carlo-Simulation über 30 Jahre (500.000 Euro, 6 Prozent erwartete Rendite, 15 Prozent Schwankung, 2 Prozent Inflation, 3.000 Verläufe) sieht es so aus:
| Entnahme pro Monat | Pleitewahrscheinlichkeit über 30 Jahre | Restkapital im Median |
|---|---|---|
| 2.000 Euro | 50 % | 0 Euro |
| 1.900 Euro (minus 5 %) | 46 % | 87.600 Euro |
| 1.800 Euro (minus 10 %) | 40 % | 196.600 Euro |
| 1.600 Euro (minus 20 %) | 31 % | 391.000 Euro |
Restkapital nominal nach 30 Jahren, Median über 3.000 simulierte Verläufe.
Zwei ehrliche Beobachtungen: Erstens sinkt das Risiko spürbar, aber nicht dramatisch. 10 Prozent weniger Entnahme drücken die Pleitewahrscheinlichkeit hier von 50 auf 40 Prozent, mehr nicht. Zweitens verändert sich das mittlere Ergebnis massiv: Aus einem leeren Depot werden fast 200.000 Euro Restkapital. Wer das Risiko wirklich in den einstelligen Bereich drücken will, muss deutlich stärker kürzen oder mit mehr Kapital starten. Warum die Reihenfolge der Renditen so viel ausmacht, steht im Artikel zum Renditereihenfolge-Risiko.
Dauerhaft kürzen oder nur ein paar Jahre?
Viele wollen nicht für immer verzichten, sondern nur über eine schwache Börsenphase kommen. Diese Rechnung zeigt den Unterschied, wieder mit 500.000 Euro, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation:
| Variante | Reichweite | Gewinn gegenüber 2.000 Euro dauerhaft |
|---|---|---|
| Immer 2.000 Euro im Monat | 32,7 Jahre | Referenz |
| 5 Jahre lang 1.800 Euro, danach wieder 2.000 Euro | 34,0 Jahre | 1,3 Jahre |
| Dauerhaft 1.800 Euro im Monat | 39,4 Jahre | 6,7 Jahre |
Bei der befristeten Variante liegen nach fünf Jahren rund 463.400 Euro in heutiger Kaufkraft im Depot, aus denen die volle Entnahme dann noch 29,0 Jahre läuft.
Für die reine Reichweite bringt die befristete Kürzung also wenig. Ihr Wert liegt woanders: Sie wirkt genau in den ersten Jahren, in denen ein Kurseinbruch am teuersten ist. Wer nach einem schlechten Börsenjahr vorübergehend kürzt, verkauft weniger Anteile zu niedrigen Kursen und schont die Substanz für die Erholung. Genau dieses Prinzip steckt hinter den flexiblen Entnahmeregeln mit Leitplanken. Wann eine Anpassung wirklich nötig ist, klärt der Artikel Entnahmeplan nachjustieren.
Was das praktisch heißt
- Prüfe zuerst deine Entnahmerate. Liegst du klar über dem realen Ertrag, ist eine Kürzung teuer erkauft und bringt wenig zusätzliche Jahre. Liegst du knapp darüber, ist sie der billigste Hebel, den du hast.
- Kürze früh statt spät. Eine Kürzung im ersten Jahrzehnt wirkt auf das gesamte restliche Depot, eine Kürzung im 20. Jahr fast nur noch auf den Rest.
- Rechne netto. 200 Euro weniger Bruttoentnahme bedeuten netto oft weniger Verzicht als gedacht, weil auch die Steuer auf den Gewinnanteil sinkt. Details im Artikel zu Entnahmeplan und Steuern.
- Plane die Kürzung, statt sie zu erleiden. Wer von vornherein 10 Prozent Luft im Budget hat, kann in schlechten Jahren senken, ohne den Lebensstandard neu erfinden zu müssen.
Rechne deinen eigenen Fall
Andere Kapitalhöhe, andere Rendite, andere Entnahme: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir Reichweite, Pleitewahrscheinlichkeit und Restkapital für deine Zahlen, und du siehst in Sekunden, was 10 Prozent weniger bei dir bewirken.
Häufige Fragen
Wie viele Jahre gewinne ich, wenn ich die Entnahme um 10 Prozent senke?
Bei 500.000 Euro Kapital, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation verlängert eine dauerhafte Kürzung von 2.000 auf 1.800 Euro im Monat die Reichweite von 32,7 auf 39,4 Jahre, also um 6,7 Jahre. Bei 3 Prozent Rendite sind es 3,0 Jahre mehr (26,4 statt 23,4 Jahre), bei 6 Prozent Rendite 17,9 Jahre mehr (62,0 statt 44,1 Jahre). Je näher die Entnahme am realen Ertrag des Depots liegt, desto größer ist der Hebel.
Senkt eine kleinere Entnahme auch die Pleitewahrscheinlichkeit?
Ja, aber weniger stark als die Reichweite. In der Monte-Carlo-Simulation über 30 Jahre mit 500.000 Euro, 6 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung und 2 Prozent Inflation sinkt das Risiko von 50 Prozent bei 2.000 Euro auf 40 Prozent bei 1.800 Euro und auf 31 Prozent bei 1.600 Euro monatlich. Gegen das Renditereihenfolge-Risiko hilft eine dauerhafte Kürzung also, sie beseitigt es aber nicht.
Reicht es, die Entnahme nur ein paar Jahre zu kürzen?
Für die reine Reichweite bringt eine befristete Kürzung deutlich weniger als eine dauerhafte. Wer bei 500.000 Euro und 5 Prozent Rendite nur in den ersten fünf Jahren 1.800 statt 2.000 Euro entnimmt und danach zurück auf 2.000 Euro geht, kommt auf 34,0 statt 32,7 Jahre, gewinnt also 1,3 Jahre. Dauerhaft gekürzt wären es 39,4 Jahre. Der Vorteil der befristeten Kürzung liegt woanders: Sie wirkt genau in den ersten Jahren, in denen ein Kurseinbruch am meisten Schaden anrichtet.