Ratgeber Entnahmeplan

Entnahmeplan nur mit Tagesgeld: Reicht das ohne Aktien?

Tagesgeld schwankt nicht, das ist der ganze Reiz. Der Preis dafür ist ein Realzins nahe null, der nach Steuern sogar ins Minus rutscht. Hier steht, was das in Euro bedeutet.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Ein reiner Tagesgeld-Entnahmeplan funktioniert, kostet aber rund ein Drittel der Entnahme. Bei 2,5 Prozent Zins und 2 Prozent Inflation bleibt vor Steuern nur ein Realzins von 0,49 Prozent, nach Abgeltungsteuer minus 0,16 Prozent. Aus 300.000 Euro lassen sich damit über 30 Jahre rund 898 Euro monatlich in heutiger Kaufkraft entnehmen, bei 5 Prozent Rendite wären es 1.266 Euro und bei 6 Prozent 1.432 Euro. Dafür ist die Tagesgeld-Rechnung fast punktgenau planbar, während das Depot alles zwischen Pleite und Millionenrest liefern kann.

Das Problem beginnt bei der Steuer, nicht bei der Inflation

Zinsen aus Tagesgeld sind Kapitalerträge und werden voll mit 26,375 Prozent belastet (25 Prozent Abgeltungsteuer plus Soli). Die 30 Prozent Teilfreistellung, die es bei Aktienfonds gibt, greift hier nicht. Erst danach kommt die Inflation. Beides zusammen frisst den Zins fast vollständig auf:

Tagesgeldzinsnach SteuernRealzins vor SteuernRealzins nach Steuern
1,5 Prozent1,10 Prozent−0,49 Prozent−0,88 Prozent
2,0 Prozent1,47 Prozent0,00 Prozent−0,52 Prozent
2,5 Prozent1,84 Prozent0,49 Prozent−0,16 Prozent
3,0 Prozent2,21 Prozent0,98 Prozent0,21 Prozent

Annahme: 2 Prozent Inflation, Abgeltungsteuer 26,375 Prozent ohne Kirchensteuer, Sparerpauschbetrag bereits ausgeschöpft. Realzins = (1+r)/(1+i) − 1.

Der Sparerpauschbetrag mildert das für kleinere Beträge: 1.000 Euro Freibetrag decken bei 2,5 Prozent Zins die Erträge von 40.000 Euro Guthaben ab, bei Paaren mit 2.000 Euro entsprechend 80.000 Euro. Wer nur diese Summe auf Tagesgeld hält, zahlt darauf keine Steuer. Bei einem sechsstelligen Entnahmedepot ist der Freibetrag dagegen schnell verbraucht, wie im Artikel zum Sparerpauschbetrag für Paare gerechnet.

Was Tagesgeld an Entnahme trägt

Diese Tabelle zeigt, wie viel aus 300.000 Euro maximal entnommen werden kann, wenn die Kaufkraft der Entnahme konstant bleiben soll (der Betrag steigt jedes Jahr mit 2 Prozent Inflation) und das Kapital am Ende der Laufzeit aufgebraucht ist:

Geplante DauerTagesgeld 2,5 % vor SteuernTagesgeld 2,5 % nach SteuernETF 5 %ETF 6 %
20 Jahre1.315 Euro/Monat1.230 Euro/Monat1.671 Euro/Monat1.827 Euro/Monat
25 Jahre1.065 Euro/Monat980 Euro/Monat1.426 Euro/Monat1.587 Euro/Monat
30 Jahre898 Euro/Monat813 Euro/Monat1.266 Euro/Monat1.432 Euro/Monat
35 Jahre779 Euro/Monat694 Euro/Monat1.154 Euro/Monat1.325 Euro/Monat

Alle Werte in heutiger Kaufkraft, 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende. Die ETF-Spalten sind vor Steuern gerechnet, dort fällt Steuer nur auf den Gewinnanteil der verkauften Anteile an.

Über 30 Jahre kostet der Verzicht auf Aktien also rund 368 Euro im Monat gegenüber einem Depot mit 5 Prozent und rund 534 Euro gegenüber 6 Prozent. Je länger der Horizont, desto größer der Abstand, weil der Zinseszins bei einem Realzins nahe null schlicht nicht arbeitet.

Die Reichweite bei fester Entnahme

Andersherum gefragt: Wie lange trägt ein Guthaben von 200.000 Euro, wenn ein bestimmter Betrag gebraucht wird?

Entnahme pro Monat (heutige Kaufkraft)Tagesgeld 2,5 % vor SteuernTagesgeld 2,5 % nach SteuernETF 5 %ETF 6 %
800 Euro22,0 Jahre20,5 Jahre32,7 Jahre44,1 Jahre
1.000 Euro17,4 Jahre16,4 Jahre23,2 Jahre27,6 Jahre
1.200 Euro14,4 Jahre13,7 Jahre18,1 Jahre20,5 Jahre

Bei 800 Euro im Monat ist der Unterschied am größten: 20,5 Jahre auf dem Tagesgeldkonto gegen 44,1 Jahre im Depot mit 6 Prozent. Der Grund ist die Nähe zur ewigen Rente. Sobald der Realertrag die Entnahme fast deckt, wächst die Reichweite steil an, und genau dieser Bereich ist mit Tagesgeld unerreichbar.

Der zweite Haken: Tagesgeld ist nicht sicher, sondern nur schwankungsfrei

Der Kontostand fällt nie, aber der Zins kann jederzeit gesenkt werden. Wer heute 898 Euro monatlich aus 300.000 Euro plant, weil 2,5 Prozent gerade normal wirken, hat ein offenes Zinsänderungsrisiko:

Tagesgeldzins im SchnittReichweite bei 898 Euro/Monat
3,0 Prozent32,7 Jahre
2,5 Prozent30,0 Jahre (Planwert)
2,0 Prozent27,8 Jahre
1,0 Prozent24,5 Jahre
0,0 Prozent22,0 Jahre

Eine dauerhafte Nullzinsphase über die volle Laufzeit kostet also acht Planjahre. Das ist deutlich weniger dramatisch als ein Crash im Depot, aber es ist eben nicht null Risiko. Wer sicher gehen will, plant mit einem niedrigeren Zins, als die Bank heute zahlt.

Planbarkeit gegen Ertrag: der ehrliche Vergleich

Die Monte-Carlo-Simulation des Rechners macht den eigentlichen Unterschied sichtbar. Beide Varianten entnehmen dasselbe, nämlich 898 Euro monatlich aus 300.000 Euro über 30 Jahre. Einmal mit einem Tagesgeldkonto (2,5 Prozent Zins, leicht schwankend), einmal mit einem weltweiten Aktiendepot (6 Prozent erwartet, 15 Prozent Schwankung), jeweils 3.000 simulierte Verläufe:

Kapital nach ...Tagesgeld: schlechtes bis gutes ZehntelAktiendepot: schlechtes bis gutes Zehntel
10 Jahren236.500 bis 262.800 Euro143.900 bis 663.800 Euro
20 Jahren136.300 bis 175.900 Euro23.600 bis 1.145.000 Euro
25 Jahren64.500 bis 110.300 Euro0 bis 1.506.500 Euro
30 Jahren0 bis 25.600 Euro0 bis 1.836.700 Euro

Nominale Werte, 3.000 Pfade, Seed 42, Entnahme jährlich mit 2 Prozent Inflation steigend. Beim Aktiendepot liegt der mittlere Verlauf nach 30 Jahren noch bei rund 300.300 Euro Restkapital.

Das Tagesgeldkonto liefert einen schmalen Korridor: Nach 20 Jahren liegen 80 Prozent aller Verläufe zwischen 136.300 und 175.900 Euro. Beim Depot reicht dieselbe Spanne von 23.600 bis über eine Million. Genau dafür zahlt man mit Tagesgeld: für einen Plan, der ziemlich genau so eintritt, wie er gerechnet wurde. Wie stark die Reihenfolge der Renditen den Depotverlauf verzerrt, steht im Artikel zum Renditereihenfolge-Risiko.

Ein Punkt, der oft übersehen wird: Ein Plan, der das Kapital exakt am letzten Tag aufbraucht, kippt schon bei winzigen Abweichungen. Bei 898 Euro Entnahme scheitert die Tagesgeld-Variante in 52,6 Prozent der Verläufe knapp vor dem Ziel. Senkt man die Entnahme auf 800 Euro, also um rund 11 Prozent, fällt dieses Risiko auf 0,0 Prozent. Beim Aktiendepot reicht ein so kleiner Puffer nicht: Dort liegt die Pleitewahrscheinlichkeit selbst bei 898 Euro noch bei 25,6 Prozent, dafür bleibt im Mittel ein sechsstelliges Restkapital übrig. Mehr dazu im Artikel Entnahme senken, Jahre gewinnen.

Wann Tagesgeld im Entnahmeplan die richtige Wahl ist

Kurze Horizonte drehen die Rechnung komplett um. Beispiel: 60.000 Euro sollen fünf Jahre lang 800 Euro monatlich liefern, etwa als Brücke bis zum Rentenbeginn.

Nach 5 Jahren übrigTagesgeld 2,5 %Aktiendepot 6 % / 15 %
schlechtes Zehntel12.991 Euro1.118 Euro
mittlerer Verlauf14.339 Euro19.995 Euro
gutes Zehntel15.747 Euro49.037 Euro
Geld vorzeitig weg0,0 Prozent8,3 Prozent

Im Schnitt gewinnt das Depot auch hier, aber in fünf Jahren bleibt keine Zeit, einen Crash auszusitzen. Für dieses Geld ist Tagesgeld die richtige Wahl. Dasselbe gilt für den Cash-Puffer, mit dem schlechte Börsenjahre überbrückt werden, ohne Anteile im Tief verkaufen zu müssen.

Sinnvoll ist Tagesgeld als alleinige Anlage außerdem, wenn Schwankungen wirklich nicht ausgehalten werden. Ein Plan, den man im Crash panisch abbricht, ist schlechter als ein bescheidener Plan, den man durchhält. Wer aber nur unsicher ist, wie viel Aktienanteil zumutbar wäre, findet im Artikel zur Aktienquote im Ruhestand die gerechneten Zwischenstufen.

Rechne deinen eigenen Fall

Trage deinen Zins, deine Inflationsannahme und deine Wunschentnahme ein: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt Reichweite, Pleitewahrscheinlichkeit und Restkapital für jede Rendite zwischen Tagesgeld und Aktiendepot.

Häufige Fragen

Kann ich meinen Entnahmeplan komplett mit Tagesgeld machen?

Technisch ja, aber es kostet spürbar Entnahme. Bei 2,5 Prozent Zins und 2 Prozent Inflation bleibt vor Steuern ein Realzins von 0,49 Prozent, nach Abgeltungsteuer minus 0,16 Prozent. Aus 300.000 Euro sind über 30 Jahre rund 898 Euro monatlich in heutiger Kaufkraft drin, mit 5 Prozent Rendite 1.266 Euro und mit 6 Prozent 1.432 Euro.

Wie hoch ist der Realzins von Tagesgeld nach Steuern?

Zinsen sind voll steuerpflichtig, ohne Teilfreistellung. Von 2,5 Prozent bleiben nach 26,375 Prozent Steuer 1,84 Prozent, bei 2 Prozent Inflation also minus 0,16 Prozent real. Erst ab rund 3 Prozent Zins liegt der Realzins nach Steuern wieder knapp im Plus. Der Sparerpauschbetrag deckt bei 2,5 Prozent Zins die Erträge aus 40.000 Euro Guthaben ab, für Paare 80.000 Euro.

Wann ist Tagesgeld im Entnahmeplan die bessere Wahl?

Bei kurzen Horizonten. Sollen aus 60.000 Euro fünf Jahre lang 800 Euro monatlich fließen, bleiben auf dem Tagesgeldkonto am Ende zwischen rund 13.000 und 15.700 Euro. Im Depot liegt das schlechte Zehntel bei 1.118 Euro, und in 8,3 Prozent der Verläufe ist das Geld vorher weg. Für den Cash-Puffer und für Geld, das bald gebraucht wird, ist Tagesgeld richtig.