Ratgeber Entnahmeplan

Aus welchem Topf zuerst entnehmen? Entnahmereihenfolge und Rebalancing

Wer Aktien und einen sicheren Teil im Depot hat, muss bei jeder Entnahme entscheiden, was verkauft wird. Diese Entscheidung ist keine Formsache: Sie steuert über Jahre deine Aktienquote.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Verkaufe den Topf, der über seiner Zielquote liegt. Nach einem guten Aktienjahr sind das die Aktien, nach einem Crashjahr der sichere Teil. Damit ist deine Entnahme zugleich das Rebalancing, und eine Jahresentnahme von rund 4 Prozent reicht aus, um die übliche Jahresdrift von 1 bis 3 Prozentpunkten wieder auszugleichen. Die beiden starren Alternativen kosten dich die Kontrolle über die Quote: Wer immer zuerst den sicheren Topf leert, steht nach gut zehn Jahren faktisch bei 100 Prozent Aktien. Wer immer zuerst Aktien verkauft, rutscht bis zum Planende auf null Prozent Aktien und im Beispiel auf rund 149.613 statt 315.316 Euro Restkapital.

Der Beispielfall

Alle Zahlen in diesem Artikel rechnen denselben Fall: 400.000 Euro Depot, aufgeteilt in 240.000 Euro Aktien und 160.000 Euro sicheren Teil (Startquote 60 Prozent), Entnahme 16.000 Euro pro Jahr in heutiger Kaufkraft (4 Prozent, rund 1.333 Euro im Monat), Planung über 30 Jahre, 2 Prozent Inflation. Der Aktienteil bringt 7 Prozent erwartete Rendite bei 18 Prozent Schwankung, der sichere Teil 2,5 Prozent bei 3 Prozent Schwankung.

AktienquoteErwartete RenditeSchwankungRealzins bei 2 % Inflation
0 %2,50 %3,00 %0,49 %
60 %5,20 %10,87 %3,14 %
100 %7,00 %18,00 %4,90 %

Alles vor Steuern und Kosten. Monte-Carlo jeweils mit 3.000 Verläufen und festem Startwert (Seed 42), normalverteilte Jahresrenditen, Entnahme jährlich um 2 Prozent erhöht.

Die Reihenfolge ist in Wahrheit eine Quoten-Entscheidung

Es gibt vier gängige Wege, eine Entnahme auf zwei Töpfe zu verteilen. Diese Tabelle zeigt ohne jeden Zufall, was sie mit der Aktienquote machen, wenn Aktien jedes Jahr exakt 7 Prozent und der sichere Teil 2,5 Prozent liefern:

ReihenfolgeAktienquote Jahr 0Jahr 10Jahr 20Jahr 30Restkapital nach 30 Jahren (real)
Rebalancing (Quote fest bei 60 %)60,0 %60,0 %60,0 %60,0 %232.118 Euro
Anteilig aus beiden Töpfen60,0 %69,7 %78,0 %84,5 %315.316 Euro
Sicherer Topf zuerst60,0 %98,9 %100,0 %100,0 %496.077 Euro
Aktien zuerst60,0 %52,7 %36,5 %0,0 %149.613 Euro

Alle Beträge in heutiger Kaufkraft. Feste Jahresrenditen, keine Schwankung, vor Steuern und Kosten.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Selbst die anteilige Entnahme hält die Quote nicht. Weil der Aktienteil schneller wächst, driftet sie von 60 auf 84,5 Prozent, obwohl du gefühlt nichts entschieden hast. Anteilig entnehmen ist eben kein Rebalancing. Zweitens: In dieser Tabelle gewinnt der aktienlastigste Weg immer, weil Aktien hier per Annahme jedes Jahr 7 Prozent liefern. Genau das tun sie in der Wirklichkeit nicht, und deshalb folgt jetzt die Rechnung mit Schwankung.

Wie lange trägt der sichere Topf allein?

Wer die Strategie "sicherer Topf zuerst" fährt, sollte wissen, wann dieser Topf leer ist. Ab dann liegt das gesamte Depot in Aktien, ob geplant oder nicht:

Sicherer Teil des DepotsBetragDeckt die Entnahme von 16.000 Euro/Jahr
20 %80.000 Euro5,1 Jahre
30 %120.000 Euro7,7 Jahre
40 %160.000 Euro10,3 Jahre
50 %200.000 Euro12,9 Jahre

Sicherer Teil mit 2,5 Prozent verzinst, Entnahme jährlich um 2 Prozent erhöht, gerechnet über den Realzins.

Die Entnahmehöhe verschiebt das deutlich: Dieselben 160.000 Euro reichen bei 3 Prozent Entnahmerate 13,8 Jahre, bei 5 Prozent nur noch 8,2 Jahre. Wer den sicheren Topf als Crash-Puffer verstehen will, findet die Rechnung dazu im Artikel zum Cash-Puffer im Entnahmeplan.

Was das für das Risiko bedeutet

Jetzt mit Schwankung. Wir teilen den Plan in zwei Phasen: Jahre 1 bis 10 und Jahre 11 bis 30. Phase 1 wird simuliert, Phase 2 startet dann einmal vom mittleren Kapital (Median) und einmal vom Kapital des unteren Zehntels, also nach einem deutlich schlechten Jahrzehnt. Jede Reihenfolge bekommt die Aktienquote, die sie laut Tabelle oben in der jeweiligen Phase im Schnitt tatsächlich hat.

ReihenfolgeAktienquote Phase 1 / Phase 2Kapital nach 10 Jahren, unteres ZehntelKapital nach 10 Jahren, MedianPleiterisiko Phase 2 ab MedianPleiterisiko Phase 2 ab unterem Zehntel
Rebalancing (fest 60 %)60 % / 60 %183.707 Euro333.509 Euro15,4 %89,0 %
Sicherer Topf zuerst80 % / 100 %157.564 Euro351.777 Euro20,3 %84,0 %
Aktien zuerst55 % / 35 %190.038 Euro327.858 Euro11,8 %98,8 %

Kapitalwerte in heutiger Kaufkraft. Phase 2 umfasst 20 Jahre, die Entnahme läuft nominal weiter wie geplant.

Daraus lässt sich dreierlei ablesen:

Das Muster hängt nicht am Zufallsstartwert. Mit Seed 7 und Seed 123 gerechnet liegt das Pleiterisiko nach schlechtem Start beim Rebalancing bei 91,8 und 90,1 Prozent, bei "sicherer Topf zuerst" bei 88,1 und 86,6 Prozent und bei "Aktien zuerst" bei 98,9 und 98,9 Prozent.

Zur Einordnung der Größenordnung: Durchgehend über 30 Jahre simuliert bewegt sich das Pleiterisiko bei festen Quoten zwischen 45 und 100 Prozent Aktien nur zwischen 30,7 und 32,2 Prozent. Erst bei 30 Prozent Aktien springt es auf 38,6 Prozent. Solange dich deine Reihenfolge also nicht dauerhaft unter etwa 40 Prozent Aktien drückt, bleibt der Effekt überschaubar. Mehr dazu im Artikel zur Aktienquote im Ruhestand, und wer die Quote bewusst steigen lassen will, findet die Rechnung dazu beim Gleitpfad.

Rebalancing über die Entnahme: der Standardweg

Die gute Nachricht: Du brauchst für die Zielquote meistens gar kein separates Rebalancing. Die Jahresentnahme allein reicht aus. Verkauft wird immer aus dem Topf, der über seiner Zielquote liegt:

AktienjahrQuote vor der EntnahmeEntnahme kommt ausQuote nach der Entnahme
Normaljahr, Aktien +7 %61,0 %Aktien59,5 %
Starkes Jahr, Aktien +25 %64,7 %Aktien63,4 %
Crashjahr, Aktien −20 %53,9 %sicherer Topf56,5 %
Schwerer Crash, Aktien −35 %48,8 %sicherer Topf51,4 %

Erstes Jahr des Beispielfalls, Zielquote 60 Prozent, Entnahme 16.320 Euro (16.000 Euro plus 2 Prozent Inflation), sicherer Teil jeweils +2,5 Prozent.

In normalen Jahren schließt die Entnahme die Lücke vollständig. Steigen die Aktien um 5, 10, 15 oder 20 Prozentpunkte mehr als der sichere Teil, senkt die Entnahme die Quote von 61,2 auf 59,6, von 62,3 auf 60,8, von 63,3 auf 61,9 und von 64,3 auf 62,9 Prozent. Erst wenn die Drift deutlich größer ausfällt als die Entnahme selbst, bleibt ein Rest übrig, den du bei Bedarf zusätzlich umschichten kannst.

Nach einem Crash dreht sich die Richtung von allein um: Dann liegt der sichere Topf über seiner Quote, du verkaufst dort und lässt die gefallenen Aktien liegen. Genau das ist der Schutz gegen das Renditereihenfolge-Risiko, ohne dass du dafür eine Marktmeinung brauchst.

Der Steuerblick: welcher Verkauf ist der günstigere?

Besteuert wird nur der Gewinnanteil der verkauften Anteile, bei Aktienfonds nach 30 Prozent Teilfreistellung und abzüglich Sparerpauschbetrag. Deshalb kostet dieselbe Entnahme je nach Topf sehr unterschiedlich viel:

Verkaufter TopfGewinnanteilTeilfreistellungSteuer auf 16.000 EuroNettoEffektiv auf die Entnahme
Aktien-ETF20 %30 %327 Euro15.673 Euro2,04 %
Aktien-ETF40 %30 %918 Euro15.082 Euro5,74 %
Aktien-ETF60 %30 %1.509 Euro14.491 Euro9,43 %
Anleihen-ETF10 %0 %158 Euro15.842 Euro0,99 %
Anleihen-ETF20 %0 %580 Euro15.420 Euro3,63 %

Sparerpauschbetrag 1.000 Euro, keine Kirchensteuer, Grenzsteuersatz 26,375 Prozent. Beim Anleihenteil gibt es keine Teilfreistellung, dafür ist der Gewinnanteil dort meist klein.

Der Steuervorteil ist real, aber kleiner als der Allokationseffekt: Zwischen dem teuersten und dem günstigsten Fall der Tabelle liegen rund 1.350 Euro im Jahr. Sinnvoll ist deshalb diese Rangfolge: erst entscheiden, welcher Topf übergewichtet ist, und dann innerhalb dieses Topfes den Verkauf steuerlich möglichst günstig legen. Warum der Gewinnanteil mit den Jahren automatisch steigt, steht im Artikel zu FIFO beim ETF-Verkauf.

Was die Rechnung nicht kann

Die Zwei-Stufen-Rechnung koppelt die beiden Phasen über einen einzelnen Kapitalwert und fasst die Quote einer Phase zu einem Durchschnitt zusammen. Sie ersetzt keine durchgehende Simulation mit zwei einzeln schwankenden Töpfen und liefert deshalb auch keine einzelne Pleitewahrscheinlichkeit je Reihenfolge über alle 30 Jahre. Was sie zeigt, ist die Richtung und die Größenordnung. Dazu kommen die üblichen Modellgrenzen: normalverteilte Jahresrenditen ohne Crash-Häufungen, keine Korrelation zwischen den Töpfen, keine Kosten, keine Steuern in der Simulation und keine Panikverkäufe.

So gehst du praktisch vor

Rechne deinen eigenen Fall

Andere Aufteilung, andere Entnahme, anderer Horizont: Der Entnahmeplan-Rechner rechnet deinen Fall in Sekunden, inklusive Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Verlauf und auf Wunsch Steuern auf ETF-Entnahmen. Für die Quotenfrage gibst du einfach die erwartete Rendite und die Schwankung deiner Mischung ein.

Häufige Fragen

Aus welchem Topf sollte ich im Ruhestand zuerst entnehmen?

In der Regel aus dem Topf, der über seiner Zielquote liegt. Nach einem guten Aktienjahr verkaufst du Aktien, nach einem Crashjahr nimmst du das Geld aus dem sicheren Topf. Damit ist die Entnahme zugleich dein Rebalancing, und du verkaufst nie in ein tiefes Loch hinein. Eine Jahresentnahme von rund 4 Prozent reicht aus, um die übliche Jahresdrift von 1 bis 3 Prozentpunkten auszugleichen.

Was passiert, wenn ich immer zuerst den sicheren Topf leere?

Dann steigt deine Aktienquote automatisch. Im Beispiel ist der sichere Topf nach gut 10 Jahren aufgebraucht, danach liegst du bei 100 Prozent Aktien. Im Median steht dann mehr Kapital da, im schlechten Zehntel weniger: 157.564 statt 183.707 Euro nach 10 Jahren in heutiger Kaufkraft. Das ist kein Sicherheitsgewinn, sondern eine Verschiebung des Risikos nach hinten.

Ist es besser, zuerst die Aktien zu verkaufen?

Nein, das ist die riskanteste der drei Reihenfolgen. Du verzehrst den Teil, der die Rendite liefert, und rutschst mit der Zeit in eine reine Anleihenquote. In der Modellrechnung endet dieser Weg nach 30 Jahren bei rund 149.613 Euro Restkapital in heutiger Kaufkraft statt bei 315.316 Euro. Nach einem schlechten ersten Jahrzehnt scheitert er in 98,8 Prozent der simulierten Verläufe.