Kurzantwort: Beim ETF-Verkauf gilt FIFO, first in first out. Verkauft werden immer die zuerst gekauften Anteile, und die sind aus einem Sparplan heraus die billigsten. Deshalb liegt der steuerpflichtige Gewinnanteil deiner ersten Entnahme deutlich über dem Gewinnanteil des Depots: In unserem Beispieldepot 76,7 Prozent statt 54,4 Prozent. Mehr Steuern zahlst du dadurch über die gesamte Entnahmephase nicht, aber du zahlst sie früher. In der Modellrechnung unten kostet allein diese Vorverlagerung nach 20 Jahren rund 10.282 Euro Depotwert.
Was FIFO überhaupt ist
Wenn du 200 Anteile eines ETF besitzt, die du über Jahre in vielen kleinen Sparplanraten gekauft hast, und jetzt 30 davon verkaufst: Welche 30 sind es? Steuerlich ist das keine offene Frage. Für Wertpapiere in Girosammelverwahrung unterstellt § 20 Abs. 4 Satz 7 EStG, dass die zuerst angeschafften Anteile zuerst veräußert wurden. First in, first out. Deine Bank rechnet automatisch so ab, du kannst innerhalb eines Depots keine Tranche auswählen.
Das klingt nach einer technischen Fußnote, hat aber eine unangenehme Folge: Die ältesten Anteile hast du zum niedrigsten Kurs gekauft. Sie tragen den größten Gewinn. Und genau sie gehen zuerst über die Ladentheke.
Das Beispieldepot
Damit die Zahlen nachvollziehbar bleiben, rechnen wir mit einem typischen Sparplan-Depot:
- 25 Jahre Sparplan, 400 Euro im Monat, also 4.800 Euro pro Jahr, insgesamt 120.000 Euro eingezahlt
- 6 Prozent Rendite pro Jahr, thesaurierender Aktien-ETF
- Depotwert bei Rentenbeginn: 263.350 Euro
- Gewinnanteil über das gesamte Depot: 143.350 Euro von 263.350 Euro, also 54,4 Prozent
Wenn nun 1.000 Euro entnommen werden, würde man intuitiv rechnen: 544 Euro davon sind Gewinn, der Rest ist zurückgeholtes eigenes Geld. Falsch. Die zuerst gekauften Anteile lagen 25 Jahre lang im Depot und haben sich in dieser Zeit mehr als vervierfacht. Ihr Gewinnanteil beträgt 76,7 Prozent.
So entwickelt sich der Gewinnanteil über die Entnahmephase
Die folgende Tabelle entnimmt aus diesem Depot 20 Jahre lang 1.000 Euro netto im Monat in heutiger Kaufkraft. Die Entnahme steigt also jährlich mit 2 Prozent Inflation, das Depot rentiert weiter mit 6 Prozent. Die Steuer wird zusätzlich aus dem Depot entnommen, damit netto wirklich 1.000 Euro ankommen. Zum Vergleich steht daneben eine gedachte Durchschnittsmethode, bei der jede Entnahme den durchschnittlichen Gewinnanteil des Restdepots trägt. Diese Methode ist in Deutschland nicht zulässig, sie dient hier nur als Messlatte.
| Jahr | Gewinnanteil FIFO | Bruttoentnahme | Steuer FIFO | Steuer in Prozent der Entnahme | Gewinnanteil Durchschnitt | Steuer Durchschnitt |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 76,7 % | 13.952 Euro | 1.712 Euro | 12,3 % | 57,0 % | 1.145 Euro |
| 5 | 78,6 % | 15.189 Euro | 1.940 Euro | 12,8 % | 65,9 % | 1.537 Euro |
| 10 | 80,4 % | 16.869 Euro | 2.241 Euro | 13,3 % | 74,6 % | 2.029 Euro |
| 15 | 82,2 % | 18.731 Euro | 2.580 Euro | 13,8 % | 81,0 % | 2.529 Euro |
| 20 | 83,6 % | 20.773 Euro | 2.941 Euro | 14,2 % | 85,8 % | 3.043 Euro |
| Summe 20 Jahre | – | 343.331 Euro | 45.931 Euro | 13,4 % | – | 41.683 Euro |
Annahmen: 6 Prozent Rendite, 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, Aktienfonds mit 30 Prozent Teilfreistellung, Sparerpauschbetrag 1.000 Euro für eine Person, keine Kirchensteuer, Abgeltungsteuer plus Soli. Vorabpauschale in dieser Tabelle nicht berücksichtigt, siehe unten.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens startet FIFO deutlich höher: 76,7 Prozent gegenüber 57,0 Prozent Gewinnanteil im ersten Jahr, das sind 1.712 statt 1.145 Euro Steuer. Zweitens kehrt sich das Verhältnis gegen Ende um. Ab etwa dem 17. Jahr liegt der Durchschnitts-Gewinnanteil über dem FIFO-Wert, weil bei der Durchschnittsmethode die günstigen Altanteile noch im Depot liegen und immer weiter im Kurs steigen. Bei FIFO sind sie längst verkauft, und die verbliebenen jüngeren Tranchen wurden teurer eingekauft.
FIFO kostet keine zusätzliche Steuer, sondern Zeit
Genau diese Umkehr ist der Punkt, den die meisten Erklärungen auslassen. Rechnet man dasselbe Depot bis auf null leer, also 25 Jahre lang mit einer real konstanten Entnahme von 1.393 Euro im Monat, landet man bei 546.194 Euro Bruttoentnahme und einer Steuerlast von 72.092 Euro, und zwar bei beiden Methoden auf den Euro genau gleich. Das ist kein Zufall: Wer alle Anteile verkauft, versteuert am Ende denselben Gesamtgewinn. Die Reihenfolge ändert daran nichts.
Was FIFO ändert, ist der Zeitpunkt. Steuer, die du im Jahr 1 zahlst, kann bis Jahr 20 keine Rendite mehr erwirtschaften. Dieser Steuerstundungseffekt lässt sich beziffern: Im 20-Jahres-Szenario oben stehen nach 20 Jahren bei FIFO noch 237.903 Euro im Depot, bei der Durchschnittsmethode 248.185 Euro. Die frühe Steuer kostet also rund 10.282 Euro, obwohl die Steuersumme selbst nur um 4.247 Euro auseinanderliegt. Der Rest ist entgangene Rendite auf das Geld, das früher ans Finanzamt ging.
Drei praktische Folgen für den Entnahmeplan
1. Die Bruttoentnahme ist höher als gedacht
Wer 1.000 Euro netto im Monat braucht, muss im ersten Jahr 13.952 Euro brutto entnehmen, nicht 12.000. Das sind 12,3 Prozent Aufschlag, und der wächst bis auf 14,2 Prozent im 20. Jahr. Wer diesen Aufschlag im Plan vergisst, entnimmt jedes Jahr zu wenig oder greift das Kapital schneller an als kalkuliert. Der Entnahmeplan-Rechner rechnet diesen Aufschlag mit, wenn du das Steuermodul einschaltest.
2. Der Sparerpauschbetrag ist schneller aufgebraucht
Bei 13.952 Euro Entnahme mit 76,7 Prozent Gewinnanteil und 30 Prozent Teilfreistellung bleiben rund 7.490 Euro steuerpflichtiger Ertrag. Die 1.000 Euro Sparerpauschbetrag decken davon nur einen Bruchteil ab und sparen etwa 264 Euro Steuer im Jahr. Bei der Durchschnittsmethode wäre der Pauschbetrag in den ersten Jahren anteilig noch deutlich wirksamer. Für Paare verdoppelt sich der Betrag auf 2.000 Euro, dazu mehr im Artikel über den Sparerpauschbetrag für Paare.
3. Gezahlte Vorabpauschalen mindern den Gewinn später
Bei einem thesaurierenden ETF zahlst du schon während der Ansparzeit jedes Jahr Vorabpauschale. Auf 263.350 Euro Fondswert ergibt der Basiszins 2026 von 3,20 Prozent einen Basisertrag von 5.899 Euro, nach Teilfreistellung 4.129 Euro steuerpflichtig, also rund 1.089 Euro Steuer vor Anrechnung des Sparerpauschbetrags. Diese bereits versteuerten Beträge werden beim späteren Verkauf vom Veräußerungsgewinn abgezogen, damit nichts doppelt besteuert wird. Der reale Gewinnanteil der ersten FIFO-Entnahmen liegt deshalb etwas unter den 76,7 Prozent aus der Tabelle. Die Richtung der Aussage bleibt aber: Die alten Anteile sind die teuersten. Details dazu im Artikel zur Vorabpauschale 2026.
Lässt sich FIFO umgehen?
Innerhalb eines Depots nicht. Die Reihenfolge ist gesetzlich vorgegeben, und keine Bank bietet dir eine Auswahl an. Was funktioniert, ist eine Trennung nach Depots: FIFO wird je Depot angewendet. Wer Anteile in ein zweites eigenes Depot überträgt, kann anschließend gezielt aus dem einen oder dem anderen Topf verkaufen. Beim Übertrag ohne Gläubigerwechsel bleiben die Anschaffungsdaten erhalten, es entsteht dabei keine Steuer.
Das ist allerdings kein Zaubertrick, sondern nur eine Verschiebung. Wer den Gesamtbestand ohnehin über die Entnahmephase verbraucht, gewinnt damit Steuerstundung, keine Steuerersparnis. Und der Aufwand ist real: zwei Depots, zwei Abrechnungen, Übertragsfristen. Ob sich das für dich lohnt, hängt an der Depotgröße und daran, ob am Ende etwas übrig bleiben soll. Wie du das mit einer Nachlassperspektive zusammenbringst, steht in einem eigenen Artikel. Für die konkrete Umsetzung ist das eine Frage für den Steuerberater, nicht für einen Rechner.
Was du dir merken solltest
- FIFO ist Pflicht, nicht Wahl: Die ältesten Anteile gehen zuerst.
- Der steuerpflichtige Gewinnanteil deiner Entnahme liegt deshalb von Anfang an über dem Depot-Durchschnitt und steigt über die Entnahmephase weiter.
- Über die vollständige Auflösung des Depots kostet FIFO keinen Euro zusätzliche Steuer, es zieht sie nur nach vorn.
- Diese Vorverlagerung ist trotzdem nicht gratis: rund 10.282 Euro weniger Depotwert nach 20 Jahren im Beispiel oben.
- Plane die Bruttoentnahme, nicht die Nettoentnahme. Der Aufschlag liegt im Beispiel zwischen 12 und 15 Prozent.
Rechne deinen eigenen Fall
Anderes Depot, andere Entnahme, andere Steuersituation: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir Bruttoentnahme, Steuer und Nettoentnahme für deine Zahlen, dazu die Reichweite und die Pleitewahrscheinlichkeit aus der Monte-Carlo-Simulation. Wie das Steuermodul im Detail rechnet, steht im Artikel Entnahmeplan und Steuern, den Ablauf des Anteilsverkaufs erklärt der ETF-Entnahmeplan.
Häufige Fragen
Welche ETF-Anteile werden beim Verkauf zuerst verkauft?
Immer die zuerst gekauften. Das Steuerrecht unterstellt für Wertpapiere in Sammelverwahrung, dass die zuerst angeschafften Anteile zuerst veräußert werden (§ 20 Abs. 4 Satz 7 EStG). Diese Reihenfolge heißt FIFO, first in first out. Du kannst sie innerhalb eines Depots nicht auswählen, die Bank rechnet automatisch so ab.
Warum ist der steuerpflichtige Gewinnanteil höher als der Gewinnanteil im Depot?
Weil die ältesten Anteile am billigsten gekauft wurden und deshalb den höchsten Gewinn tragen. In unserem Beispieldepot aus 25 Jahren Sparplan liegt der Gewinnanteil über alle Anteile bei 54,4 Prozent, die erste FIFO-Entnahme wird aber auf 76,7 Prozent Gewinn versteuert. Im Lauf der Entnahmephase steigt dieser Anteil weiter, im Beispiel auf 83,6 Prozent im 20. Jahr.
Zahle ich durch FIFO insgesamt mehr Steuern?
Nein, wenn du das Depot vollständig auflöst. Über die komplette Auflösung wird derselbe Gesamtgewinn besteuert, in unserer Modellrechnung 72.092 Euro Steuer, unabhängig von der Reihenfolge. FIFO verschiebt die Steuer nur nach vorn. Diese Vorverlagerung kostet Steuerstundung: Wer 20 Jahre lang 1.000 Euro netto im Monat entnimmt, hat am Ende rund 10.282 Euro weniger im Depot als bei einer gedachten Durchschnittsmethode.