Kurzantwort: Es gibt keine sichere Entnahmerate, es gibt nur eine Rate zu einem Risiko. Über 30 Jahre, bei 6 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung und 2 Prozent Inflation gehören zu 5 Prozent Pleiterisiko 2,18 Prozent Entnahmerate, zu 10 Prozent Risiko 2,65 Prozent und zu rund 20 Prozent Risiko 3,26 Prozent. Je 500.000 Euro Kapital sind das 908, 1.104 beziehungsweise 1.358 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft. Die bekannte 4-Prozent-Regel liegt in dieser Rechnung bei 34,1 Prozent Pleiterisiko.
Die Entnahmerate je Zielrisiko
Die Frage ist falsch gestellt, solange sie nach einer einzigen Zahl sucht. Richtig gestellt lautet sie: Wie viel darf ich entnehmen, wenn höchstens ein bestimmter Anteil der möglichen Verläufe scheitern soll? Diese Tabelle beantwortet genau das.
| Akzeptiertes Pleiterisiko | Entnahmerate | Monatlich je 500.000 Euro | Restkapital nach 30 Jahren (Median, heutige Kaufkraft) |
|---|---|---|---|
| 0 Prozent | 0,70 Prozent | 292 Euro | 966.000 Euro |
| 5 Prozent | 2,18 Prozent | 908 Euro | 609.000 Euro |
| 10 Prozent | 2,65 Prozent | 1.104 Euro | 495.000 Euro |
| 20 Prozent | 3,26 Prozent | 1.358 Euro | 349.000 Euro |
| 34 Prozent (4-Prozent-Regel) | 4,00 Prozent | 1.667 Euro | 175.000 Euro |
| 66 Prozent (Annuitätenrechnung) | 5,73 Prozent | 2.388 Euro | 0 Euro |
Annahmen: 30 Jahre Planungsdauer, erwartete Rendite 6 Prozent, Schwankung 15 Prozent, Inflation 2 Prozent, 3.000 simulierte Verläufe mit festem Startwert, Entnahme jeweils zum Jahresende und jährlich an die Inflation angepasst, vor Steuern. Die Prozentsätze gelten unabhängig von der Kapitalhöhe, solange keine Steuern anfallen.
Warum null Prozent Risiko keine sinnvolle Zielmarke ist
Die Zeile mit 0 Prozent Pleiterisiko sieht auf den ersten Blick nach dem Ziel aus, das jeder haben möchte. Sie ist in Wahrheit die unbrauchbarste Zeile der Tabelle. Damit von 3.000 Verläufen kein einziger scheitert, muss sich die Entnahme am schlechtesten aller simulierten Verläufe orientieren, nicht am wahrscheinlichen. Das drückt die Rate auf 0,70 Prozent, also 292 Euro im Monat je 500.000 Euro Kapital.
Der Preis dafür steht in der letzten Spalte: Im mittleren Verlauf blieben nach 30 Jahren rund 966.000 Euro in heutiger Kaufkraft übrig, fast das Doppelte des Startkapitals. Wer so plant, vermeidet zwar zuverlässig, dass ihm das Geld ausgeht, verzichtet aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben lang auf Mittel, die er nie gebraucht hätte. Absolute Sicherheit ist im Entnahmeplan kein Ziel, sondern ein anderer Fehler.
Die 4-Prozent-Regel in diesem Raster
Die 4-Prozent-Regel stammt aus US-Daten und einem 30-Jahres-Horizont. In dieser Simulation liegt sie bei 34,1 Prozent Pleiterisiko, also rund einem Drittel. Sie ist damit keine Sicherheitsgrenze, sondern eine mutige Entnahme. Wie sie entstanden ist und warum für Deutschland meist 3 bis 3,5 Prozent genannt werden, steht im Artikel zur 4-Prozent-Regel.
Noch deutlicher wird es bei der reinen Annuitätenrechnung. Sie unterstellt jedes Jahr exakt 6 Prozent Rendite und kommt so auf 5,73 Prozent Entnahmerate, also 2.388 Euro im Monat je 500.000 Euro. Sobald die Renditen schwanken, scheitert genau diese Rate in 66,2 Prozent der Verläufe. Die Lücke zwischen 5,73 und 2,65 Prozent ist der Preis des Renditereihenfolge-Risikos, und er ist erheblich.
Die Planungsdauer verschiebt alles
Eine feste Prozentzahl kann schon deshalb nicht stimmen, weil 20 Jahre Ruhestand etwas ganz anderes sind als 40. Bei gleichem Zielrisiko sieht das so aus:
| Planungsdauer | bei 5 Prozent Risiko | bei 10 Prozent Risiko | bei 20 Prozent Risiko |
|---|---|---|---|
| 20 Jahre | 3,24 Prozent | 3,89 Prozent | 4,66 Prozent |
| 25 Jahre | 2,59 Prozent | 3,12 Prozent | 3,81 Prozent |
| 30 Jahre | 2,18 Prozent | 2,65 Prozent | 3,26 Prozent |
| 35 Jahre | 1,99 Prozent | 2,37 Prozent | 2,91 Prozent |
| 40 Jahre | 1,64 Prozent | 2,13 Prozent | 2,66 Prozent |
Wer mit 70 startet und 20 Jahre plant, darf bei 10 Prozent Risiko 3,89 Prozent entnehmen. Wer mit 55 startet und 40 Jahre braucht, nur 2,13 Prozent, also gut die Hälfte davon. Umgekehrt gelesen: Die 4-Prozent-Regel trägt über 20 Jahre ein Risiko von 11,3 Prozent, über 30 Jahre 34,1 Prozent und über 40 Jahre 49,9 Prozent. Wie man die eigene Planungsdauer sinnvoll festlegt, steht im Artikel zum Planungshorizont im Entnahmeplan.
Auch die Schwankung entscheidet mit
Die zweite Stellschraube ist die Schwankungsbreite des Depots, also im Wesentlichen die Aktienquote. Alle Zeilen unten unterstellen dieselben 6 Prozent erwartete Rendite und 30 Jahre Dauer, nur die Schwankung ändert sich:
| Schwankung pro Jahr | bei 5 Prozent Risiko | bei 10 Prozent Risiko |
|---|---|---|
| 8 Prozent | 3,72 Prozent | 4,06 Prozent |
| 10 Prozent | 3,24 Prozent | 3,62 Prozent |
| 15 Prozent | 2,18 Prozent | 2,65 Prozent |
| 20 Prozent | 1,29 Prozent | 1,76 Prozent |
Hinweis: In der Realität lassen sich hohe erwartete Rendite und niedrige Schwankung nicht frei kombinieren. Die Tabelle isoliert bewusst nur den Effekt der Schwankung bei gleicher Renditeerwartung.
Die Botschaft ist nicht, dass Schwankung immer schlecht wäre. Ein sehr ruhiges Depot liefert meist auch weniger Rendite, und dann sinkt die tragfähige Entnahme wieder. Die Botschaft ist: Wer eine Zahl aus einem Ratgeber übernimmt, ohne zu prüfen, zu welchem Depot sie gehört, rechnet mit einer fremden Annahme. Wie die Simulation dahinter arbeitet, erklären wir in Monte-Carlo-Simulation für den Ruhestand.
Steuern kosten rund 0,2 Prozentpunkte
Die Raten oben sind Bruttoentnahmen. Bei 2,65 Prozent aus 500.000 Euro sind das 13.250 Euro im Jahr. Wenn davon die Hälfte Gewinnanteil ist, fallen nach 30 Prozent Teilfreistellung und einem Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro rund 959 Euro Steuer an, also 7,24 Prozent der Entnahme. Netto bleiben 12.291 Euro.
Wer stattdessen 13.250 Euro netto braucht, muss 14.307 Euro brutto entnehmen, also 2,86 statt 2,65 Prozent. Das Pleiterisiko steigt dadurch von 10,0 auf 13,6 Prozent. Steuern sind im Entnahmeplan also kein Randthema, aber auch kein Katastrophenfaktor. Details stehen im Artikel zu Entnahmeplan und Steuern.
Andersherum gefragt: Wie viel Kapital brauche ich?
Dieselbe Rechnung lässt sich umdrehen. Für 2.000 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft über 30 Jahre ergibt sich je nach Risikotoleranz:
| Akzeptiertes Pleiterisiko | Nötiges Kapital für 2.000 Euro im Monat |
|---|---|
| 0 Prozent | rund 3.429.000 Euro |
| 5 Prozent | rund 1.101.000 Euro |
| 10 Prozent | rund 906.000 Euro |
| 20 Prozent | rund 736.000 Euro |
| 34 Prozent (4-Prozent-Regel) | 600.000 Euro |
Zwischen 10 und 20 Prozent Risikotoleranz liegen 170.000 Euro Kapital. Das ist die ehrliche Übersetzung der Frage nach der sicheren Entnahmerate: Sicherheit ist teuer, bezahlt wird sie in Kapital oder in Verzicht.
Der bessere Weg: Leitplanken statt fester Rate
Alle Zahlen oben unterstellen, dass du 30 Jahre lang stur dieselbe reale Entnahme nimmst, egal wie das Depot läuft. Das macht in der Praxis niemand. Wer bereit ist, nach schlechten Jahren zu kürzen, kann höher starten und trotzdem ein niedriges Risiko tragen. Die Rate für 10 Prozent Risiko ist deshalb eher eine Untergrenze für den starren Fall als eine Empfehlung. Wie viel Leitplanken wirklich bringen, rechnen wir in Flexible Entnahme statt fester Rate durch, und wann eine Anpassung tatsächlich nötig ist, steht in Entnahmeplan nachjustieren.
Rechne deinen eigenen Fall
Andere Dauer, andere Renditeerwartung, anderes Kapital: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt dir zu jeder Entnahme direkt die Pleitewahrscheinlichkeit, den Restkapital-Verlauf und auf Wunsch die Steuer auf ETF-Entnahmen.
Häufige Fragen
Welche Entnahmerate ist wirklich sicher?
Das hängt vom akzeptierten Pleiterisiko ab. Über 30 Jahre, bei 6 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung und 2 Prozent Inflation gehören zu 5 Prozent Risiko 2,18 Prozent Entnahmerate, zu 10 Prozent Risiko 2,65 Prozent und zu rund 20 Prozent Risiko 3,26 Prozent. Je 500.000 Euro sind das 908, 1.104 beziehungsweise 1.358 Euro im Monat in heutiger Kaufkraft.
Gibt es eine Entnahmerate mit null Prozent Pleiterisiko?
Rechnerisch ja, praktisch ist sie unbrauchbar. Damit in 3.000 Verläufen über 30 Jahre kein einziger scheitert, darf die Entnahme nur 0,70 Prozent betragen, also rund 292 Euro im Monat je 500.000 Euro. Im Median blieben dann nach 30 Jahren rund 966.000 Euro in heutiger Kaufkraft übrig, also fast das Doppelte des Startkapitals.
Wie riskant ist die 4-Prozent-Regel wirklich?
In dieser Simulation scheitert eine inflationsangepasste Entnahme von 4 Prozent über 30 Jahre in 34,1 Prozent der Verläufe. Über 20 Jahre sind es 11,3 Prozent, über 40 Jahre 49,9 Prozent. Die Regel ist damit keine Sicherheitsgrenze, sondern eine Rate mit spürbarem Ausfallrisiko.