Kurzantwort: Wer im ersten Ruhestandsjahr 5 Prozent seines Depots entnimmt und den Betrag danach jährlich um die Inflation erhöht, scheitert über 30 Jahre in unserer Simulation in 53,5 Prozent der Verläufe, bei 4 Prozent in 34,1 Prozent. Über 15 Jahre sinkt das Risiko bei 5 Prozent auf 9,2 Prozent, über 10 Jahre auf 0,6 Prozent. Die 5-Prozent-Regel ist also keine Regel für einen langen Ruhestand, sondern eine Entnahmerate für kurze Horizonte, Brücken bis zur Rente oder Anleger, die in schlechten Jahren konsequent kürzen.
Was die 5-Prozent-Regel bedeutet
Das Prinzip ist dasselbe wie bei der 4-Prozent-Regel: Im ersten Jahr entnimmst du einen festen Prozentsatz des Startkapitals, danach steigt der Betrag jedes Jahr mit der Inflation, egal wie die Börse läuft. Nur der Startwert ist höher. Im Monat bedeutet das:
| Kapital | 4 % pro Monat | 5 % pro Monat | Mehr pro Monat |
|---|---|---|---|
| 200.000 Euro | 667 Euro | 833 Euro | 167 Euro |
| 300.000 Euro | 1.000 Euro | 1.250 Euro | 250 Euro |
| 500.000 Euro | 1.667 Euro | 2.083 Euro | 417 Euro |
| 750.000 Euro | 2.500 Euro | 3.125 Euro | 625 Euro |
| 1.000.000 Euro | 3.333 Euro | 4.167 Euro | 833 Euro |
Beträge in heutiger Kaufkraft und vor Steuern. Nominal steigt die Entnahme jedes Jahr mit der Inflation.
Der Reiz ist offensichtlich: 25 Prozent mehr Geld im Monat. Andersherum gerechnet brauchst du für 2.000 Euro im Monat bei 5 Prozent nur 480.000 Euro statt 600.000 Euro bei 4 Prozent. Die Frage ist, was dieser Komfort an Sicherheit kostet.
Das Pleiterisiko nach Planungsdauer
Die Tabelle zeigt, in wie vielen von 100 simulierten Verläufen das Kapital vor dem Ende der geplanten Dauer erschöpft ist. Der Vergleich mit 3 und 4 Prozent macht den Abstand sichtbar:
| Geplante Dauer | 3,0 % | 4,0 % | 4,5 % | 5,0 % | 5,5 % | 6,0 % |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 15 Jahre | 0,6 % | 2,9 % | 5,3 % | 9,2 % | 13,6 % | 18,6 % |
| 20 Jahre | 3,3 % | 11,3 % | 17,6 % | 25,2 % | 33,5 % | 42,6 % |
| 25 Jahre | 9,3 % | 23,1 % | 32,6 % | 41,0 % | 50,7 % | 58,5 % |
| 30 Jahre | 15,1 % | 34,1 % | 44,6 % | 53,5 % | 62,0 % | 69,6 % |
| 35 Jahre | 21,8 % | 42,8 % | 52,6 % | 62,5 % | 70,1 % | 77,3 % |
Monte-Carlo-Simulation mit 3.000 Verläufen, Seed 42: erwartete Rendite 6 Prozent, Schwankung 15 Prozent (weltweites Aktiendepot), Inflation 2 Prozent, Entnahme inflationsangepasst zum Jahresende, vor Steuern und Kosten. Die Jahresrenditen werden unabhängig gezogen, die Simulation kennt keine Erholung nach Crashs und fällt daher eher vorsichtig aus.
Über 30 Jahre ist die 5-Prozent-Regel in diesem Modell schlechter als ein Münzwurf. Über 10 Jahre dagegen scheitern nur 0,6 Prozent der Verläufe, bei 4 Prozent kein einziger. Die Entnahmerate allein sagt also wenig. Erst zusammen mit der Planungsdauer wird daraus eine Risikoaussage. Welche Rate zu welcher Risikotoleranz passt, zeigt der Artikel Welche Entnahmerate ist wirklich sicher?
Warum der Durchschnitt mehr verspricht
Rechnet man mit einer festen Durchschnittsrendite ohne Schwankung, sieht die 5-Prozent-Regel deutlich freundlicher aus. So lange reicht das Kapital bei 5 Prozent inflationsangepasster Entnahme und 2 Prozent Inflation:
| Rendite pro Jahr | Reichweite bei 4 % | Reichweite bei 5 % |
|---|---|---|
| 3 % | 28,8 Jahre | 22,4 Jahre |
| 4 % | 34,7 Jahre | 25,6 Jahre |
| 5 % | 45,9 Jahre | 30,6 Jahre |
| 6 % | 102,2 Jahre | 39,9 Jahre |
| 7 % | dauerhaft | 82,2 Jahre |
Deterministische Rechnung über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1 mit 2 Prozent Inflation, Entnahme zum Jahresende, vor Steuern.
Bei 6 Prozent Durchschnittsrendite würden 5 Prozent fast 40 Jahre reichen. Trotzdem scheitert in der Simulation mit genau dieser Durchschnittsrendite über 30 Jahre mehr als jeder zweite Verlauf. Der Grund ist das Renditereihenfolge-Risiko: Schlechte Jahre am Anfang treffen ein Depot, aus dem gleichzeitig hohe Beträge abfließen. Die verkauften Anteile fehlen in der Erholung, und je höher die Entnahmerate, desto härter wirkt dieser Effekt.
Dazu passt die Streuung des Ergebnisses: Bei 5 Prozent über 20 Jahre liegt das mittlere Restkapital (Median) von 500.000 Euro Startkapital bei rund 280.700 Euro nominal, in den besten 10 Prozent der Verläufe bei über 1,39 Millionen Euro, in den schlechtesten 10 Prozent bei null. Dieselbe Regel kann also ein großes Erbe hinterlassen oder vorzeitig ins Leere laufen.
Nach Steuern bleiben 4,6 Prozent
Wie alle Faustregeln rechnet auch die 5-Prozent-Regel vor Steuern. Für ein Depot von 500.000 Euro mit einem Gewinnanteil von 50 Prozent sieht das so aus:
| Entnahmerate | Brutto pro Jahr | Steuer | Netto pro Jahr | Netto-Quote | Netto pro Monat |
|---|---|---|---|---|---|
| 4,0 % | 20.000 Euro | 1.583 Euro | 18.418 Euro | 3,68 % | 1.535 Euro |
| 5,0 % | 25.000 Euro | 2.044 Euro | 22.956 Euro | 4,59 % | 1.913 Euro |
Annahme: Aktienfonds mit 30 Prozent Teilfreistellung, Gewinnanteil der verkauften Anteile 50 Prozent, Sparerpauschbetrag 1.000 Euro, Abgeltungsteuer 25 Prozent plus Soli, keine Kirchensteuer. Mit steigendem Gewinnanteil wächst die Steuer.
Wer also 5 Prozent netto zum Leben braucht, muss brutto rund 27.252 Euro entnehmen, also etwa 5,45 Prozent, und rutscht in der Risikotabelle fast auf die 5,5-Prozent-Spalte. Details zur Besteuerung stehen im Artikel Entnahmeplan und Steuern.
Wann 5 Prozent trotzdem passen
Bei planmäßigem Kapitalverzehr und gleichmäßiger Rendite von 6 Prozent (2 Prozent Inflation) wären rechnerisch sogar höhere Raten möglich: 5,73 Prozent über 30 Jahre, 6,35 Prozent über 25 Jahre, 7,31 Prozent über 20 Jahre und 8,94 Prozent über 15 Jahre, jeweils bis das Kapital genau aufgebraucht ist. Mit Schwankungen bleibt davon deutlich weniger übrig, aber in drei Situationen sind 5 Prozent eine vertretbare Größe:
- Kurzer Horizont: Wer spät in Rente geht oder das Depot nur 10 bis 15 Jahre braucht, trägt bei 5 Prozent ein Risiko von 0,6 bis 9,2 Prozent. Mehr dazu im Artikel Mit 70 in Rente.
- Brücke bis zur Rente: Ein Depot, das nur die Jahre bis zum Rentenbeginn überbrücken soll, darf schneller schrumpfen als ein lebenslanger Topf.
- Flexibilität: Wer nach schlechten Börsenjahren die Entnahme kürzt, statt stur weiter die Inflation draufzulegen, senkt das Risiko deutlich. Wie das mit Leitplanken funktioniert, zeigt der Artikel Flexible Entnahme statt fester Rate.
Für einen Ruhestand von 30 Jahren und mehr ohne Spielraum nach unten ist die 5-Prozent-Regel dagegen zu optimistisch. Wer langfristig plant, landet mit der 3-Prozent-Regel oder knapp darüber auf der robusteren Seite.
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Dein Kapital, deine Dauer, deine Renditeannahme: Der Entnahmeplan-Rechner zeigt in Sekunden, wie hoch die Pleitewahrscheinlichkeit für deine Entnahmerate ist, inklusive Restkapital-Verlauf und Steuern auf ETF-Entnahmen.
Häufige Fragen
Ist eine Entnahme von 5 Prozent im Jahr zu hoch?
Für einen Ruhestand von 30 Jahren ja: In der Simulation (6 Prozent erwartete Rendite, 15 Prozent Schwankung, 2 Prozent Inflation) ist das Kapital bei 5 Prozent in 53,5 Prozent der Verläufe vor Ablauf erschöpft, bei 4 Prozent in 34,1 Prozent. Über 15 Jahre liegt das Risiko bei 5 Prozent dagegen nur bei 9,2 Prozent und über 10 Jahre bei 0,6 Prozent.
Wie viel sind 5 Prozent Entnahme im Monat?
Bei 300.000 Euro Kapital 1.250 Euro, bei 500.000 Euro 2.083 Euro und bei 1.000.000 Euro 4.167 Euro im Monat, jeweils vor Steuern und in heutiger Kaufkraft. Nach Steuern bleiben bei 500.000 Euro und 50 Prozent Gewinnanteil rund 1.913 Euro im Monat.
Wann sind 5 Prozent Entnahmerate vertretbar?
Vor allem bei kurzer Planungsdauer, etwa bei spätem Ruhestandsbeginn oder als zeitlich begrenzte Brücke bis zur gesetzlichen Rente, und wenn du bereit bist, die Entnahme nach schlechten Börsenjahren zu kürzen. Für einen 30-jährigen Ruhestand ohne Flexibilität ist sie in der Simulation eher ein Münzwurf.