Ratgeber Entnahmeplan

Mit 70 in Rente: Wie viel Entnahme ist bei kurzer Planungsdauer drin?

Wer mit 70 anfängt zu entsparen, plant 20 Jahre statt 30. Das hebt die mögliche Entnahme deutlich. Hier steht, um wie viel genau und wo die Grenze liegt.

Keine Anlageberatung. Alle Werte sind Modellrechnungen, gerechnet mit der Logik des Entnahmeplan-Rechners.

Kurzantwort: Bei einem Plan über 20 Jahre, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation trägt das Depot 6,69 Prozent des Kapitals pro Jahr, also 1.671 Euro im Monat je 300.000 Euro in heutiger Kaufkraft. Über 30 Jahre wären es nur 5,06 Prozent oder 1.266 Euro. Der kürzere Horizont bringt also 32 Prozent mehr Budget. Das gilt für eine gleichmäßige Rendite. Rechnet man die Schwankung mit, bleibt vom Vorteil weniger übrig, als die Tabelle verspricht. Beides steht hier, in dieser Reihenfolge.

Die Entnahmerate nach Planungsdauer

Die Tabelle zeigt, wie viel Prozent des Startkapitals pro Jahr entnommen werden können, wenn das Kapital am Ende der geplanten Dauer genau auf null läuft. Die Entnahme ist dabei inflationsangepasst: Sie steigt jedes Jahr um 2 Prozent, die Kaufkraft bleibt also konstant.

Geplante Dauer3 % Rendite4 % Rendite5 % Rendite6 % Rendite
15 Jahre (bis 85)7,20 %7,76 %8,34 %8,94 %
20 Jahre (bis 90)5,53 %6,09 %6,69 %7,31 %
25 Jahre (bis 95)4,53 %5,10 %5,71 %6,35 %
30 Jahre (bis 100)3,86 %4,44 %5,06 %5,73 %

Annuität über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1 bei 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern und Kosten.

Der Effekt ist nicht klein. Zwischen 20 und 30 Jahren liegen bei 5 Prozent Rendite 1,63 Prozentpunkte, das ist ein Drittel mehr laufendes Budget. Zwischen 25 und 30 Jahren sind es noch 12,7 Prozent mehr. Wer mit 70 startet, kann sich diesen Aufschlag legitim nehmen, denn er plant eben nicht bis 100.

Was das in Euro bedeutet

Dieselbe Rechnung für gängige Depotgrößen, jeweils bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation, in heutiger Kaufkraft pro Monat:

Kapital20 Jahre25 Jahre30 Jahre
150.000 Euro836 Euro/Monat713 Euro/Monat633 Euro/Monat
200.000 Euro1.114 Euro/Monat951 Euro/Monat844 Euro/Monat
300.000 Euro1.671 Euro/Monat1.426 Euro/Monat1.266 Euro/Monat
400.000 Euro2.228 Euro/Monat1.902 Euro/Monat1.688 Euro/Monat
500.000 Euro2.785 Euro/Monat2.377 Euro/Monat2.110 Euro/Monat

Zum Vergleich: Wer das Kapital gar nicht antasten will, lebt nur vom realen Ertrag. Bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation sind das 2,94 Prozent Realzins, also 735 Euro im Monat je 300.000 Euro. Der planmäßige Verzehr über 20 Jahre bringt also mehr als das Doppelte. Genau das ist der Sinn eines Entnahmeplans mit 70: Das Geld soll gelebt werden, nicht vererbt. Wer beides abwägen will, findet die Gegenüberstellung im Artikel zu Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt.

Die Gegenprobe: Schwankung frisst den Vorteil an

Alle Zahlen oben unterstellen, dass jedes Jahr exakt die gleiche Rendite kommt. Ein echtes Depot schwankt, und zu Beginn der Entnahme sind schlechte Jahre besonders teuer. Die Monte-Carlo-Simulation des Rechners zieht dafür 3.000 Zufallsverläufe mit 6 Prozent erwarteter Rendite, 15 Prozent Schwankung und 2 Prozent Inflation, also etwa die Kennzahlen eines weltweiten Aktiendepots:

Entnahmerate pro JahrPleiterisiko 15 JahrePleiterisiko 20 JahrePleiterisiko 25 JahrePleiterisiko 30 Jahre
4,0 %2,9 %11,3 %23,1 %34,1 %
4,5 %5,3 %17,6 %32,6 %44,6 %
5,0 %9,2 %25,2 %41,0 %53,5 %
5,5 %13,6 %33,5 %50,7 %62,0 %
6,0 %18,6 %42,6 %58,5 %69,6 %
7,0 %33,2 %57,9 %73,9 %81,3 %

Monte-Carlo mit 3.000 Pfaden, normalverteilte Jahresrenditen, Erwartungswert 6 Prozent, Volatilität 15 Prozent, Inflation 2 Prozent, fester Startwert der Simulation. Pleite heißt: Das Kapital ist vor Ablauf der Zieldauer erschöpft.

Hier wird es unbequem. Die 6,69 Prozent, die die Annuität für 20 Jahre hergibt, scheitern in der Simulation in 53,6 Prozent der Verläufe. Der Durchschnitt ist eben nur der Durchschnitt, und das Ergebnis hängt an der Reihenfolge der Jahre, nicht an ihrem Mittel. Warum das so ist, erklärt der Artikel zum Renditereihenfolge-Risiko.

Trotzdem bleibt der Vorteil des kurzen Horizonts sichtbar, nur eine Etage tiefer. Dieselbe Entnahmerate trägt über 20 Jahre viel eher als über 30: 4 Prozent scheitern über 20 Jahre in 11,3 Prozent der Fälle, über 30 Jahre in 34,1 Prozent. Und wenn man das Risiko vorgibt statt die Rate, sieht es so aus:

DauerRate bei maximal 10 % PleiterisikoRate bei maximal 5 % Pleiterisiko
15 Jahre5,05 % (1.263 Euro/Monat)4,40 % (1.100 Euro/Monat)
20 Jahre3,85 % (963 Euro/Monat)3,20 % (800 Euro/Monat)
25 Jahre3,15 % (788 Euro/Monat)2,60 % (650 Euro/Monat)
30 Jahre2,65 % (663 Euro/Monat)2,15 % (538 Euro/Monat)

Euro-Werte je 300.000 Euro Kapital, heutige Kaufkraft. Suchlauf in Schritten von 0,05 Prozentpunkten über dieselbe Simulation.

Die ehrliche Spanne für einen 70-Jährigen mit Aktiendepot liegt also zwischen 3,85 Prozent (starr durchgehalten, kleines Risiko) und den 6,69 Prozent der Tabelle (nur bei glattem Verlauf tragfähig). Wer dazwischen landen will, braucht Flexibilität statt einer festen Zahl: in schlechten Jahren kürzen, in guten wieder anheben. Wie viel das bringt, steht im Artikel zur flexiblen Entnahme mit Leitplanken. Bei 3,85 Prozent über 20 Jahre bleibt im mittleren Verlauf übrigens ein Restkapital von 311.626 Euro nominal übrig, im guten Zehntel über eine Million. Sparsamkeit wird in dieser Rechnung oft mit einem Nachlass belohnt, den niemand geplant hat.

Der kurze Horizont erlaubt ein ruhigeres Depot

Mit 30 Jahren Planungsdauer ist eine defensive Aufstellung riskant, weil die Rendite die Inflation kaum schlägt. Mit 20 Jahren ist das anders. Dieselbe Entnahme von 5 Prozent pro Jahr, verschiedene Depotmischungen:

DepotAnnahmePleiterisiko 20 JahrePleiterisiko 30 Jahre
100 Prozent Aktien6 % Rendite, 15 % Schwankung25,2 %53,5 %
70 zu 305 % Rendite, 11 % Schwankung21,4 %60,8 %
50 zu 504 % Rendite, 8 % Schwankung20,9 %77,7 %
30 zu 703 % Rendite, 5 % Schwankung26,1 %96,7 %

Entnahme 5 Prozent des Startkapitals pro Jahr, inflationsangepasst, 3.000 Pfade je Kombination. Die Rendite-Schwankungs-Paare sind grobe Orientierungswerte für Mischdepots, keine Marktprognose.

Über 20 Jahre liegen alle vier Mischungen zwischen 21 und 26 Prozent Risiko, die Wahl der Aktienquote ist also fast nebensächlich. Über 30 Jahre spreizt sich dasselbe Bild auf 53 bis 97 Prozent: Das defensive Depot geht dann fast sicher schief. Das ist der eigentliche Gewinn des späten Starts. Man darf ruhiger anlegen, ohne dafür mit Pleiterisiko zu bezahlen. Wer die Aktienquote genauer abwägen will, findet die Langfassung im Artikel zur Aktienquote im Ruhestand.

Was der Puffer kostet

Der Haken am kurzen Horizont: Er ist eine Wette auf die eigene Lebenserwartung. Wer mit 70 auf 20 Jahre plant und 94 wird, hat vier Jahre ohne Depot vor sich. Fünf Jahre Puffer, also ein Plan bis 95 statt bis 90, kosten 14,7 Prozent des monatlichen Budgets: bei 300.000 Euro und 5 Prozent Rendite 1.426 statt 1.671 Euro. Das ist der Preis für die Ruhe, und er ist bezahlbar.

Der zweite Weg: kurz planen, aber jährlich nachrechnen und die Dauer mitschieben. Wer mit 73 immer noch 20 Jahre rechnet, verschiebt den Endpunkt automatisch nach hinten und passt die Entnahme dem tatsächlichen Depotstand an. Das ist mathematisch nichts anderes als eine gleitende Neuberechnung und schützt besser als jede Punktschätzung. Mehr dazu im Artikel zum richtigen Planungshorizont und zum Nachjustieren des Entnahmeplans.

Wichtig bleibt die gesetzliche Rente: Sie läuft lebenslang und deckt den Grundbedarf ab. Das Depot muss deshalb oft nur den Aufschlag auf den gewünschten Lebensstandard tragen, nicht die ganze Existenz. Wer mit 70 in Rente geht, hat diesen Sockel bereits, anders als bei einem Ausstieg mit 60 oder 55, wo erst eine Brücke gebaut werden muss.

Was das Finanzamt nimmt

Besteuert wird beim ETF-Verkauf nur der Gewinnanteil der verkauften Anteile, bei Aktienfonds nach 30 Prozent Teilfreistellung und abzüglich Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr. Wer mit 70 entspart, hat sein Depot meist lange gehalten, der Gewinnanteil liegt dann oft bei 60 Prozent oder höher. Bei 20.055 Euro Jahresentnahme (1.671 Euro im Monat) und 60 Prozent Gewinnanteil fallen 1.958 Euro Steuer an, also 9,8 Prozent der Entnahme. Netto bleiben 1.508 Euro im Monat. Bei 70 Prozent Gewinnanteil steigt die Steuer auf 2.328 Euro oder 11,6 Prozent. Wer netto die vollen 1.671 Euro braucht, muss brutto 1.855 Euro entnehmen. Paare mit zusammen 2.000 Euro Pauschbetrag zahlen bei 60 Prozent Gewinnanteil nur 1.694 Euro, also 8,4 Prozent. Warum der Gewinnanteil im Laufe des Plans weiter steigt, erklärt der Artikel zu FIFO beim ETF-Verkauf.

Bei thesaurierenden Fonds kommt die Vorabpauschale dazu. Bei 300.000 Euro Fondswert und dem Basiszins 2026 von 3,20 Prozent ergibt sich ein Basisertrag von 6.720 Euro, nach Teilfreistellung 4.704 Euro steuerpflichtig und damit 1.241 Euro Steuer vor Anrechnung des Sparerpauschbetrags. Details stehen im Artikel zur Vorabpauschale 2026.

Rechne deinen eigenen Fall

Andere Dauer, andere Rendite, anderes Kapital: Der Entnahmeplan-Rechner rechnet deinen Fall in Sekunden, inklusive Pleitewahrscheinlichkeit, Restkapital-Verlauf und Steuern auf ETF-Entnahmen. Passt die Größenordnung des Depots nicht, helfen die Artikel zum Entnahmeplan mit 300.000 Euro und zu 400.000 Euro.

Häufige Fragen

Wie viel kann ich mit 70 monatlich aus dem Depot entnehmen?

Bei einem Plan über 20 Jahre, 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation sind 6,69 Prozent des Kapitals pro Jahr rechnerisch drin, also 1.671 Euro im Monat je 300.000 Euro in heutiger Kaufkraft. Über 30 Jahre wären es nur 5,06 Prozent oder 1.266 Euro. Der kürzere Horizont hebt das Budget also um 32 Prozent. Diese Werte gelten aber nur bei gleichmäßiger Rendite. In der Monte-Carlo-Simulation scheitert die Entnahme von 6,69 Prozent über 20 Jahre in 53,6 Prozent der Verläufe.

Ist die 4-Prozent-Regel mit 70 zu vorsichtig?

Nach der Annuitätenrechnung ja: Über 20 Jahre bei 5 Prozent Rendite trägt das Kapital 6,69 Prozent statt 4 Prozent. Nach der Monte-Carlo-Rechnung nur teilweise. Eine Entnahme von 4 Prozent scheitert über 20 Jahre noch in 11,3 Prozent der Verläufe, über 30 Jahre in 34,1 Prozent. Der kurze Horizont macht die 4-Prozent-Regel also deutlich tragfähiger, aber nicht zur Garantie.

Wie viele Jahre sollte ich mit 70 einplanen?

20 Jahre bis 90 sind die naheliegende Rechnung, 25 Jahre bis 95 der sicherere Puffer. Dieser Puffer kostet 14,7 Prozent des monatlichen Budgets: bei 300.000 Euro und 5 Prozent Rendite 1.426 statt 1.671 Euro. Wer das Geld lieber nicht überlebt, plant länger und korrigiert später nach oben, wenn das Depot gut gelaufen ist.