Kurzantwort: Teile das Kapital in zwei Töpfe. Topf A finanziert die Jahre bis zum Rentenbeginn und kostet ungefähr monatliche Lücke mal 12 mal Brückenjahre, bei 1.600 Euro und vier Jahren also rund 76.800 Euro. Topf B ist der Rest und wird lebenslang entnommen. Beispiel: 300.000 Euro Startkapital, Ruhestand mit 63, gesetzliche Rente ab 67 von 1.600 Euro netto. Nach Abzug der Brücke bleiben 223.200 Euro, die bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation über 27 Jahre rechnerisch 1.008 Euro im Monat tragen. Das Budget liegt damit vor und nach 67 gleichermaßen bei rund 2.608 Euro in heutiger Kaufkraft, ohne Sprung.
Das Problem: die meisten Rechner kennen nur eine Phase
Ein normaler Entnahmeplan-Rechner nimmt Kapital, Rendite und Dauer und spuckt eine konstante Entnahme aus. Für den früheren Ruhestand ist das die falsche Frage. Denn ab 67 kommt eine zweite Einnahme dazu, und die verändert alles: Vor 67 muss das Depot die kompletten Ausgaben tragen, danach nur noch den Teil, den die gesetzliche Rente nicht abdeckt.
Rechnet man 300.000 Euro stur über 27 Jahre (bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation), kommen 1.355 Euro im Monat heraus. Das Ergebnis: von 63 bis 67 lebt man von 1.355 Euro, ab 67 plötzlich von 2.955 Euro. Ein Sprung um mehr als das Doppelte, genau in dem Alter, in dem die meisten Menschen weniger reisen und weniger unternehmen, nicht mehr. Wer die frühen Jahre bewusst genießen will, plant genau falsch herum.
Topf A: was die Brücke kostet
Topf A ist reines Rechenwerk, kein Renditespiel. Er muss von heute bis zum Rentenbeginn eine feste monatliche Summe liefern, und zwar zuverlässig. Deshalb wird er mit einer sicheren Anlage gerechnet, deren Verzinsung ungefähr die Inflation ausgleicht (hier 2 Prozent Zins bei 2 Prozent Inflation, Realzins also null). Dann gilt schlicht: Kapitalbedarf = monatliche Lücke mal 12 mal Jahre.
| Ruhestand ab Alter | Brückenjahre bis 67 | Lücke 1.400 Euro | Lücke 1.600 Euro | Lücke 1.800 Euro |
|---|---|---|---|---|
| 60 | 7 Jahre | 117.600 Euro | 134.400 Euro | 151.200 Euro |
| 62 | 5 Jahre | 84.000 Euro | 96.000 Euro | 108.000 Euro |
| 63 | 4 Jahre | 67.200 Euro | 76.800 Euro | 86.400 Euro |
| 65 | 2 Jahre | 33.600 Euro | 38.400 Euro | 43.200 Euro |
Annahme: sichere Anlage mit 2 Prozent Zins bei 2 Prozent Inflation, Entnahme jeweils zum Jahresende, vor Steuern. Der Betrag steigt jährlich mit der Inflation, die Kaufkraft bleibt konstant.
Wichtig: Dieses Geld gehört nicht ins Aktiendepot. Es wird in wenigen Jahren garantiert ausgegeben, und ein Kursrutsch würde genau die Anteile treffen, die kurz darauf verkauft werden müssen. Die Brücke ist im Grunde ein besonders großer Cash-Puffer mit bekanntem Verfallsdatum: Tagesgeld, Festgeldleiter oder kurzlaufende Anleihen mit passender Fälligkeit.
Topf B: was lebenslang übrig bleibt
Was nach Abzug der Brücke bleibt, ist das eigentliche Ruhestandsdepot. Es muss ab sofort und dauerhaft den Betrag liefern, der auch nach 67 zur Rente dazukommt. Gerechnet über 27 Jahre (von 63 bis 90) bei 5 Prozent Rendite und 2 Prozent Inflation, Brücke jeweils 76.800 Euro für 1.600 Euro über vier Jahre:
| Startkapital | Topf A (Brücke) | Topf B (Depot) | Depot-Entnahme pro Monat | Budget gesamt pro Monat |
|---|---|---|---|---|
| 200.000 Euro | 76.800 Euro | 123.200 Euro | 556 Euro | 2.156 Euro |
| 300.000 Euro | 76.800 Euro | 223.200 Euro | 1.008 Euro | 2.608 Euro |
| 400.000 Euro | 76.800 Euro | 323.200 Euro | 1.459 Euro | 3.059 Euro |
| 500.000 Euro | 76.800 Euro | 423.200 Euro | 1.911 Euro | 3.511 Euro |
Alle Beträge in heutiger Kaufkraft, vor Steuern. Das Gesamtbudget ist in beiden Phasen gleich: vor 67 zahlt Topf A die 1.600 Euro, ab 67 die gesetzliche Rente. Gerechnet über den Realzins rreal = (1+r)/(1+i) − 1.
Der Vergleich mit der Einphasen-Rechnung zeigt, was die Aufteilung bringt. Bei 300.000 Euro Kapital stehen in den vier Brückenjahren 2.608 statt 1.355 Euro zur Verfügung, also 1.253 Euro mehr im Monat. Ab 67 sind es 2.608 statt 2.955 Euro, also 347 Euro weniger. Getauscht wird ein spätes Zuviel gegen ein frühes Zuwenig, und zwar zu einem guten Kurs.
Der Haken: rechnerisch möglich heißt nicht sicher
Die 1.008 Euro aus der Tabelle sind eine Annuität. Sie unterstellt, dass die Rendite jedes Jahr exakt 5 Prozent beträgt. Ein Aktiendepot schwankt aber, und die Reihenfolge guter und schlechter Jahre entscheidet mit. In der Monte-Carlo-Simulation des Rechners (3.000 Verläufe, erwartete Rendite 5 Prozent, Schwankung 15 Prozent, 2 Prozent Inflation) sieht der Topf B mit 223.200 Euro über 27 Jahre so aus:
| Depot-Entnahme pro Monat | Entnahmequote auf Topf B | Budget gesamt pro Monat | Topf B vorzeitig leer |
|---|---|---|---|
| 400 Euro | 2,15 Prozent | 2.000 Euro | 5,6 Prozent |
| 500 Euro | 2,69 Prozent | 2.100 Euro | 12,8 Prozent |
| 600 Euro | 3,23 Prozent | 2.200 Euro | 22,5 Prozent |
| 700 Euro | 3,76 Prozent | 2.300 Euro | 32,4 Prozent |
| 800 Euro | 4,30 Prozent | 2.400 Euro | 44,1 Prozent |
| 1.008 Euro | 5,42 Prozent | 2.608 Euro | 65,8 Prozent |
Monte-Carlo mit 3.000 Pfaden, Seed 42, normalverteilte Jahresrenditen. Die Entnahme startet in heutiger Kaufkraft und wächst nominal mit 2 Prozent Inflation.
Die letzte Zeile ist die Annuität aus der Tabelle davor, und sie geht in fast zwei von drei Verläufen vorzeitig aus. Das ist kein Fehler der Rechnung, sondern ihre Natur: Eine Entnahme, die bei exakt durchschnittlicher Rendite punktgenau bis zum Schluss reicht, ist bei Schwankung ungefähr ein Münzwurf. Wer Sicherheit will, plant näher an 500 bis 600 Euro und behält den Rest als Reserve.
Ein Trost, den die reine Prozentzahl verschweigt: Anders als bei einem Depot ohne Rente bedeutet ein leerer Topf B hier keine Mittellosigkeit, sondern den Rückfall auf die gesetzliche Rente von 1.600 Euro. Das Risiko ist ein Komfortrisiko, kein Existenzrisiko. Genau deshalb ist die gesetzliche Rente der wertvollste Baustein im Plan: lebenslang, inflationsangepasst und ohne Renditereihenfolge-Risiko.
Steuern nicht vergessen
Die Brücke wird aus dem Depot bezahlt, und beim Verkauf von Fondsanteilen fällt Abgeltungsteuer auf den Gewinnanteil an. Bei 19.200 Euro Jahresentnahme, einem Gewinnanteil von 40 Prozent, 30 Prozent Teilfreistellung für Aktienfonds und 1.000 Euro Sparerpauschbetrag sind das rund 1.154 Euro Steuer im Jahr, also effektiv 6,0 Prozent der Entnahme. Wer netto 1.600 Euro im Monat braucht, muss deshalb rund 20.446 Euro brutto entnehmen, und Topf A wächst von 76.800 auf etwa 81.785 Euro. Wie sich Gewinnanteil, Teilfreistellung und Pauschbetrag im Detail auswirken, steht im Artikel zu Entnahmeplan und Steuern.
Alternative: die Rente vorziehen
Statt eine Brücke zu bauen, lässt sich die gesetzliche Rente auch früher beziehen. Das kostet dauerhaft 0,3 Prozent Abschlag je Monat des früheren Bezugs (§ 77 SGB VI), und zwar lebenslang. Vier Jahre früher bedeuten also einen dauerhaft spürbar niedrigeren Rentenanspruch, auch noch mit 90. Die Brücke aus dem Depot kostet dagegen einmalig Kapital und lässt die Rente unangetastet.
Wer genug Kapital für die Brückenjahre hat, fährt deshalb meist besser damit, das Depot zu belasten und die Rente voll stehen zu lassen. Denn die gesetzliche Rente ist die einzige Einnahme, die weder ausgehen noch von einem Börsencrash getroffen werden kann. Wie sich ein Crash kurz vor dem Ruhestand auswirkt, zeigt der Artikel Börsencrash kurz vor der Rente.
So rechnest du deinen eigenen Fall
Die Zwei-Töpfe-Methode lässt sich mit dem Entnahmeplan-Rechner in zwei Durchgängen abbilden:
- Brückenjahre zählen (Rentenbeginn minus geplantes Ausstiegsalter) und die monatliche Lücke mal 12 mal Jahre rechnen. Das ist Topf A.
- Startkapital minus Topf A ergibt Topf B. Diesen Betrag mit deiner Planungsdauer und realistischen Annahmen in den Rechner geben.
- Die Pleitewahrscheinlichkeit prüfen und die Entnahme so weit senken, bis du mit dem Risiko leben kannst.
Wie hoch die Planungsdauer sinnvollerweise angesetzt wird, klärt der Artikel zum Planungshorizont. Und wer wissen will, wie viel Kapital für den kompletten Ausstieg mit 60 nötig ist, findet die Rechnung unter Mit 60 in Rente.
Alle Zahlen mit deinen eigenen Annahmen: Der Entnahmeplan-Rechner rechnet Reichweite, Entnahme, Pleitewahrscheinlichkeit und Steuern in Sekunden.
Häufige Fragen
Wie viel Kapital brauche ich, um die Zeit bis zur gesetzlichen Rente zu überbrücken?
Als Faustformel: monatliche Lücke mal 12 mal Anzahl der Brückenjahre. Wer mit 63 aufhört und ab 67 rund 1.600 Euro netto Rente erwartet, braucht für die vier Brückenjahre etwa 76.800 Euro. Bei Ruhestand mit 60 sind es sieben Jahre und rund 134.400 Euro. Gerechnet wird mit einer sicheren Anlage, deren Verzinsung ungefähr die Inflation ausgleicht.
Soll ich das Geld für die Brückenjahre in Aktien anlegen?
Nein. Geld, das in den nächsten Jahren sicher ausgegeben wird, gehört nicht ins schwankende Depot. Ein Kursrückgang trifft genau die Anteile, die kurz darauf verkauft werden müssen, und aus dem Papierverlust wird ein echter. Das Brückenkapital gehört auf Tagesgeld, Festgeld oder kurzlaufende Anleihen mit passender Fälligkeit. Nur der lebenslange Teil trägt Aktienrisiko.
Ist es besser, die Rente vorzuziehen statt eine Brücke zu bauen?
Ein vorgezogener Rentenbeginn kostet dauerhaft 0,3 Prozent Abschlag je Monat des früheren Bezugs (§ 77 SGB VI), lebenslang. Die Brücke aus dem Depot kostet dagegen nur einmalig Kapital und lässt die volle Rente unangetastet. Wer genug Kapital für die Brückenjahre hat, fährt mit der Brücke meist besser, weil die gesetzliche Rente die einzige lebenslange und inflationsgeschützte Einnahme ist.